"Die Migrantin muss doppelt so laut sprechen"

17. Mai 2010, 10:58
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Was gehört dazu, um die Integration von migrantischen Frauen zu fördern? Quoten seien eher kontraproduktiv, sagen Betroffene. Wichtiger seien das Selbstvertrauen und der Wille der Betroffenen

Salzburg - "Kann die Migrantin sprechen?" - So lautet der Titel jener interdisziplinären Ringvorlesung, die sich an der Uni Salzburg derzeit mit Migration und Geschlechterverhältnissen auseinander setzt. Bei einer Podiumsdiskussion Mitte Mai kamen statt WissenschaftlerInnen einmal Betroffene zu Wort: zugewanderte und einheimische Frauen, die in Integrationsprojekten arbeiten.

Für Ebru Yurtseven von der Muslimischen Jugend Österreichs muss die Frage, ob die Migrantin sprechen könne, eher andersherum gestellt werden: "Sind wir überhaupt bereit, anzuhören, was sie zu sagen hat?" Gerade muslimische Frauen würden oft von vornherein als unterdrückt, unmündig und hilflos angesehen und somit nicht ernstgenommen.

Doppelte Diskriminierung

Ganz ähnlich sieht das auch Angela Lindenthaler, die Geschäftsführerin des Salzburger Migrantinnenvereins VIELE (Verein für interkulturellen Ansatz in Erziehung, Lernen und Entwicklung): "Die Migrantin muss doppelt so laut sprechen, wenn sie gehört werden will." Zur strukturellen Diskriminierung von Frauen komme in ihrem Fall auch noch die Benachteiligung von MigrantInnen hinzu.

Fast hätte die Migrantin auch bei dieser Podiumsdiskussion nicht sprechen können - schließlich war ursprünglich keine Migrantin auf der Liste der TeilnehmerInnen vorgesehen, sagte Moderatorin Eva Schmidhuber vom Salzburger freien Radio "Radiofabrik". Hier sei die Emanzipation von MigrantInnen offenbar noch nicht so weit wie jene von Frauen: "Man kann es sich ja fast nicht mehr leisten, eine Podiumsdiskussion ohne Frauen zusammenzustellen." Durch Schmidhubers Intervention hat es die Verkäuferin und Radiomacherin Danijela Ristić als einzige Migrantin erster Generation auf das Podium geschafft.

"Der größte Faktor ist der Wille"

Für Ristić, die im Rahmen der Sendung "Willkommen in Salzburg" neu angekommenen Migrantinnen mehrsprachig Tipps über Themen wie Deutschkurse, Fremdenrecht oder Kinderbetreuung gibt, ist das Erlernen der deutschen Sprache ein wesentlicher Faktor für geglückte Integration. Das wiederum sei vielen Migrantinnen nur möglich, wenn sie genug Zeit dafür haben - was für viele durch Kinderbetreuungsangebote einfacher gemacht werde. "Aber ich glaube, der größte Faktor ist der Wille", sagt Ristić.

"Zu mir kommen größtenteils Frauen, die sprechen, und sie sprechen sehr viel", sagt Gerlinde Ulucinar Yentürk, Integrationsbeauftragte der Stadt Hallein. Einer der wesentlichen Lernprozesse bei Frauen, die bei ihr im "Büro für interkulturelles Zusammenleben" Deutschkurse absolvieren, sei es, "zu lernen, für sich selbst da zu sein", sagt sie.

Die Unzulänglichkeiten der anderen

Manfred Oberlechner vom Integrationsreferat des Landes Salzburg betont, man solle die Augen nicht vor Problemen verschließen. Statistiken würden etwa zeigen, dass die Beschäftigungsquote junger Musliminnen zwischen 15 und 24 Jahren sinke anstatt zu steigen. Für Yentürk ist daran auch ein Diskurs schuld, der ständig nur die Schwächen von Migrantinnen betont und nicht ihre Stärken: "Wir neigen in der Öffentlichkeit immer dazu, über die Unzulänglichkeiten der anderen zu reden und nicht über unsere eigenen."

Könnten MigrantInnenquoten, analog zu Frauenquoten, etwa im öffentlichen Dienst, mithelfen, bestehende Ungleichheiten zu überwinden? Ebru Yurtseven ist skeptisch. Quoten führten zu einer negativen Abgrenzung, Positionen sollten nach Leistung vergeben werden, betont Yurtseven. Nur dadurch könne es gelingen, die "österreichische Identität" von Migrantinnen zu steigern. Wer gute Leistungen bringe, werde auch als ÖsterreicherIn anerkannt. (Markus Peherstorfer, dieStandard.at, 16.05.2010)

  • Moderatorin Eva Schmidhuber, Radiomacherin Danijela Ristic und die 
Halleiner Integrationsbeauftragte Gerlinde Ulucinar Yentürk.
 
    foto: peherstorfer

    Moderatorin Eva Schmidhuber, Radiomacherin Danijela Ristic und die Halleiner Integrationsbeauftragte Gerlinde Ulucinar Yentürk.

     

  • Angela Lindenthaler vom Verein VIELE, Ebru Yurtseven von der 
Muslimischen Jugend Österreichs und Manfred Oberlechner vom 
Integrationsreferat des Landes Salzburg.
    foto: peherstorfer

    Angela Lindenthaler vom Verein VIELE, Ebru Yurtseven von der Muslimischen Jugend Österreichs und Manfred Oberlechner vom Integrationsreferat des Landes Salzburg.

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