Sparen, Sparen! Sparen?

17. Mai 2010, 10:24
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Staaten sollen sparen, lautet derzeit der Tenor. An falschen Faktoren zu sparen ist kontraproduktiv - Von Paul Kellermann

Zur Zeit wird von allen Seiten "Sparen" verlangt; insbesondere die Staaten sollen sparen, also weniger Geld ausgeben. Weniger Geld auszugeben ist sinnvoll, wenn an Stellen gespart wird, die keinen Einfluss auf das Erarbeiten von benötigten Leistungen haben. Doch Sparen ist nicht in jedem Fall richtig. Das Gegenteil vom erwünschten Effekt wird nämlich dann erreicht, wenn an Faktoren gespart wird, die einem vorhandenen Bedarf produktiv entsprechen könnten. Wenn also an Arbeitskräften und Produktionskapazitäten "gespart" wird, die benötigte Dienste und Güter verfügbar machen könnten, ist das im wahren Sinn "kontraproduktiv". Warum? Weil im Fall der Staaten allein durch größere Wirtschaftsleistung, die auch verkaufbar ist, Steuern zur Verringerung der Staatsschulden erreichbar sind. Geld als Kaufkraft hat ja nur dann einen Wert, wenn für dieses Geld etwas zu kaufen ist, was hergestellt, angeboten und nachgefragt wird. Und nachgefragt werden kann alles, was den aktuellen Bedürfnissen entspricht, sofern den Kaufinteressierten das erforderliche Geld verfügbar ist.

Das heißt: Sollen Angebot und Nachfrage zur Belebung der Wirtschaft steigen, werden ein größeres erarbeitetes Warenangebot und zur Tauschvermittlung eine größere Geldmenge und/oder schnellere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes - zusammengefasst ist das das "Geldprodukt" - gebraucht. Die häufig gestellte Frage "Und woher soll das Geld kommen?" übersieht, das Geld ja nur etwas wert ist, wenn es Kaufkraft darstellt und damit ein sehr brauchbares Instrument zum Tausch von Leistungen ist, die angeboten und nachgefragt werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bevor aber Leistungen getauscht werden können, müssen sie erarbeitet werden. Das heißt: Geld ist "sekundär" (lateinisch "nachfolgend"); primär ist das Erarbeiten von Waren, also von angebotenen Gütern oder Diensten. Aber es gilt auch: Wenn durch die Emission von Geld zur Vermeidung von Staatsbankrotten das höhere Geldprodukt nicht mehr dem realen Wirtschaftswachstum entspricht, dann kommt es zu Inflation: Man ist bereit, für eine beschränkt angebotene Ware mehr zu bezahlen. Das dadurch errechnete nominelle Bruttoinlandsprodukt stimmt nicht mehr mit dem Wachstum an realen Leistungen überein.

Die wirtschaftspolitische Kunst besteht darin, verfügbare, also auch durch falsches Sparen brachliegende Potentiale (Erwerbslose, nicht genutzte Kapazitäten) so zu organisieren, dass ein Ausgleich von Bedarf, Leitungsvermögen und Geldprodukt erreicht wird.

Wenn große Geldmengen für Staatsrettungsaktionen bereit gestellt werden, müsste folglich zum verlangten und erforderlichen Schuldenabbau vor allem auf reales Wachstum an benötigten Leistungen, aber auch auf Einsparen von unproduktiven Ausgaben gesetzt werden.

Dagegen Staatsschulden durch gezielte Geldentwertung (Inflation) zu verringern ist Kaufkraftenteignung und mit Verlust von Planungssicherheit vor allem für Investitionen jeder Art verbunden. Doch nur Investitionen zur Erhöhung der Produktivität ermöglichen Wachstum von realen Leistungen und damit letztlich von Steuern. Bloßes Sparen ohne Differenzierung von einerseits unproduktiven Ausgaben, andererseits von Produktionsfaktoren, die verkaufbare Güter und Dienstleistungen erstellen könnten, aber eingespart werden, kann Staatsverschuldung nicht abbauen, weil weniger Geld (Steuern) in die Staatskassen kommt. Eher wird das Gegenteil erreicht: Das Wirtschaftswachstum verringert sich, die Staatsschulden steigen. (Paul Kellermann, derStandard.at, 17.5.2010)

Zur Person: Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdiszilinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft". Zum "Garantierten Grundeinkommen" hat Paul Kellermann schon 1979 und 1980 (Rowohlt) publiziert.

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