"Es gibt diese Medienghettos nicht"

16. Mai 2010, 21:16
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Salzburger Dissertationsprojekt: MigrantInnen nutzen Massenmedien stärker als Einheimische. Dennoch werden sie im öffentlichen Diskurs mitunter "strukturell entrechtet", sagt ein Wissenschaftler

Salzburg – Wie nutzen MigrantInnen die Massenmedien und wie werden sie von den Medien benutzt? Die Kommunikationswissenschaftlerin Assimina Gouma von der Uni Salzburg und der Soziologe Paul Scheibelhofer von der Central European University in Budapest suchten in ihren Vorträgen bei der Ringvorlesung "Kann die Migrantin sprechen? – Migration und Geschlechterverhältnisse" nach Antworten.

MigrantInnen nutzen Medien stärker

Assimina Gouma, selbst griechischer Abstammung, beschäftigt sich in ihrem Dissertationsprojekt mit "transkulturellen Medienpraktiken" von MigrantInnen in Österreich. Entgegen dem landläufigen Vorurteil, wonach sich diese hauptsächlich Medienangeboten innerhalb ihrer Communities zuwendeten und somit "Medienghettos" bildeten, nutzen MigrantInnen tatsächlich die Massenmedien sogar stärker als Einheimische – und zwar sowohl die österreichischen als auch jene aus ihrem Heimatland: "Es gibt diese Medienghettos nicht", stellt Gouma fest.

Als "MigrantInnen" wollen sich die die von Gouma befragten ZuwanderInnen nicht bezeichnen: "Ich kann nicht sagen, dass ich ein Migrant bin", sagt einer von Goumas InterviewpartnerInnen: "Ich bin nicht wegen eines Jobs gekommen, um zu bleiben, bin auch nicht gekommen, um Geld zu machen und es nach Griechenland zu schicken oder um Ähnliches zu tun." Als MigrantInnen sieht er nur Menschen, die unfreiwillig in ein anderes Land gekommen sind.

"Bei den Griechen: Kein Problem"

Der Grund für diese Abgrenzung laut Gouma: "Die Identifikation mit der Migration wird als bedrohlich wahrgenommen", weil die griechischen ZuwanderInnen sehr wohl AusländerInnenfeindlichkeit beobachten. Entsprechend sieht ihr Interviewpartner eher andere Gruppen als "MigrantInnen": "Es geht um die Türken, es geht eventuell auch um die Serben. Aber bei den Griechen: Kein Problem."

"Was ist los mit den türkischen Jungs?"

Paul Scheibelhofer wiederum geht für seine Dissertation der Frage nach, wie in den Medien und der Öffentlichkeit "türkisch-migrantische Männlichkeit" in Europa konstruiert wird. "Was ist eigentlich los mit diesen türkischen Jungs?" sei eine fast schon beängstigend populäre Frage, findet er. Und: "Migrationspolitiken und Migrationsdiskurse sind vor allem eines, nämlich repressive Techniken zur strukturellen Entrechtung von MigrantInnen."

Wenn immer wieder von einer "Krise des Multikulturalismus" gesprochen wird, sei das an sich schon manipulativ, sagt Scheibelhofer: "Dieser Diskurs schreibt selber die Vergangenheit um – als ob es in Österreich jemals einen Multikulturalismus gegeben hätte." Und "blanker Rassismus" finde sich sogar in wissenschaftlich angehauchten Texten wie der "Moslem-Studie", die 2006 im Auftrag des Innenministeriums erstellt wurde. Gefragt werde vor allem: "Sind die wirklich so gefährlich, wie wir denken?"

Rassismus gegen Sexismus

Ähnlich der "Appeasement des Westens"-Diskurs, etwa in Henryk Broders Buch "Hurra, wir kapitulieren": Für Scheibelhofer ist diese Diskussion unterschwellig auch geleitet von dem Gedanken, jene "Männlichkeit" verloren zu haben, die in muslimischen Ländern hochgehalten werde. Wer die Entrechtung von Frauen in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften betone und versuche, "durch Rassismus den Sexismus zu bekämpfen", dem falle es leicht, patriarchale Strukturen in der eigenen Gesellschaft auszublenden. (Markus Peherstorfer, daStandard.at, 14.05.2010)

Links:

http://www.uni-salzburg.at/portal/page?_pageid=1867,764232&_dad=portal&_schema=PORTAL

Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg

http://homepage.univie.ac.at/paul.scheibelhofer/

Homepage von Paul Scheibelhofer

http://gbw.salzburg.gruene.at/loads/gendup.pdf

Übersicht zur Ringvorlesung "Kann die Migrantin sprechen? – Migration und Geschlechterverhältnisse" (PDF)

  • Assima Gouma hat festgestellt,  dass sich viele griechische ZuwanderInnen nicht als  "MigrantInnen" bezeichnen wollen und von anderen  Gruppen abgrenzen.
    foto: markus peherstorfer

    Assima Gouma hat festgestellt, dass sich viele griechische ZuwanderInnen nicht als "MigrantInnen" bezeichnen wollen und von anderen Gruppen abgrenzen.

  • Für Paul Scheibelhofer sind  Migrationsdiskurse in den Medien vor allem "repressive Techniken  zur strukturellen Entrechtung von MigrantInnen".
    foto: markus peherstorfer

    Für Paul Scheibelhofer sind Migrationsdiskurse in den Medien vor allem "repressive Techniken zur strukturellen Entrechtung von MigrantInnen".

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