Auf ein Schmalzbrot in die Wiege der Republik

16. Mai 2010, 20:00
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Die kleine Gemeinde Hochwolkersdorf sieht sich als Geburtsort der Zweiten Republik - und lässt das den Kameradschaftsbund feiern

Die Klarinetten stecken in durchsichtigen Plastiksackerln. Besonders feierlich sieht das nicht aus. Aber die düsteren Wolken machen keine Anstalten, weiterzuziehen: Es regnet seit Stunden auf die Wiege des heutigen Österreichs. Hier, in Hochwolkersdorf in der Buckligen Welt, sei vor 65 Jahren die Zweite Republik geboren worden. So erzählt man es sich heute, so rühmt sich die Gemeinde auf Broschüren, auf der Website und bei Ortseinfahrt und - ausfahrt: "Hochwolkersdorf - Geburtsort der Zweiten Republik."

Was war geschehen? Im April 1945 traf hier, in einem Einfamilienhaus gegenüber dem Gemeindeamt, der frühere Bundeskanzler Karl Renner mit Vertretern der Roten Armee zusammen, um eine möglichst schonende Übergabe Wiens zu verhandeln. Vorbereitet wurde das Treffen von widerständigen Wehrmachtsangehörigen rund um den Aktivisten Carl Szokoll. Die geheimen Verhandlungen wurden verraten, drei beteiligte NS-Militärs von einem SS-Standgericht am 8. April 1945 gehenkt.

Schuhplattln und Hufeisen-Schmieden

Seit vergangenem Jahr feiert die 1000 Seelen-Gemeinde ihre vermeintliche Bedeutung als Wiege der Zweiten Republik - und lässt ausgerechnet den Kameradschaftsbund als Co-Organisator auftreten. Die Militärmusik spielt auf, der Pfarrer segnet Kränze, die danach beim Kriegerdenkmal abgelegt werden, es gibt Schuhplattln, Hufeisen-Schmieden, jede Menge stolze Ansprachen und Schmalzbrote. Und nicht wenig zu trinken. "Herr Präsident, haben S`schon ein Schnapserl ghabt?", fragt die Bürgermeisterin. "Ja selbstverständlich", sagt Franz Teszar, und verneigt sich sitzend auf seiner Heurigenbank. Der Präsident des niederösterreichischen Kameradschaftsbunds ist sichtlich stolz, dass so viele "Kameradinnen und Kameraden" heute gekommen sind.

Im "Gedenkraum 1945", einer kleinen Daueraustellung im Gemeindeamt, die im Fremdenverkehrs-Katalog als Touristenattraktion des Orts beschrieben wird, ist heute wenig los. Die meisten Besucher steuern zielsicher Wurstbrot und Weinkrug an, während die Schautafeln hier vom NS-Regime als "Interregnum" sprechen, von dem Österreich zwischen 1938 und 1945 "überlagert" worden sei. Eine Tafel ist Karl Renners Geheimtreffen gewidmet, der Rest erzählt von Lebensmittelmarken, Widerstand und Besatzung. Nach dem Einmarsch der Russen sei es "naturgemäß" zu Übergriffen gekommen, heißt es da. Von Übergriffen der Lokalbevölkerung auf die Ausgegrenzten des NS-Regimes ist keine Rede.

"Dem Herrgott danken"

"Wir müssen dem Herrgott danken, dass wir schon so lange in Freiheit und Frieden leben dürfen", ruft Franz Teszar durchs Mikrofon, und verlässt das Rednerpult mit dem Soldatengruß. Die junge Generation schätze es viel zu wenig, dass Frieden und Wohlstand herrsche, die "Treue zur Heimat und zur Republik" komme abhanden. Darum gebe es den Kameradschaftsbund: Um an den „Schrecken von damals" zu erinnern und der Opfer zu gedenken. „Denn die Gefallenen waren keine Helden, sondern Opfer", sagt Teszar. "Und mit ihnen gedenken wir auch allen anderen Opfern - den zivilen, den Vertriebenen, den Inhaftierten, und so fort." Wenn alle Opfer waren - wo waren dann die Täter? "Den schuldigen Soldaten gedenken wir nicht", sagt Teszar leise.

Wer das sein soll, darüber wird lieber gar nicht diskutiert. Etwa jene Militärs, die Renners Geheimverhandlungen initiierten - und als Deserteure hingerichtet wurden? Teszar wird unruhig: "Damit haben wir bitte gar nichts zu tun. Das ist lange her und davon halten wir uns fern. Wir sind kein politischer Verein." Und die heutige Feier - sei "keine politische, sondern eine vaterländische Feier".

"Das waren schon Verräter"

Ein Kollege weiter rechts sieht das etwas anders. "Streng genommen waren das schon Verräter damals" - so kommentiert ein Hochwolkersdorfer, der 1945 gerade fünf Jahre alt war, die Geburtswehen Österreichs im Haus gegenüber. "Wir haben als Soldaten einen Eid geschworen, und dem sind wir verpflichtet." Er feiere aber auch gar nicht das, was 1945 passiert ist, meint der Mann mit Schnauzbart. Sein Glas Rotwein hebe er auf den Staatsvertrag und den Abzug jener Mächte, mit welchen Renner einst verhandelt hatte.

Mit dieser Ansicht ist der Kamerad wohl nicht alleine. Gemeinde und Kameradschaftsbund wählten als Tag der Feier schon vorsorglich den 15. Mai - um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, zu welchem Zeitpunkt Österreich tatsächlich befreit wurde. Auch in den Reden ist stets vom Staatsvertrag die Rede - und nie davon, was sich in Hochwolkersdorf zugetragen hatte.

Gegen Schmarotzer

Dennoch: "Stolz" ist ein Wort, das häufig fällt an diesem Samstag. Auf die "Großmütter und Großväter", die so vieles "geleistet" hätten. Das durchschnittlich 60-jährige Publikum applaudiert hierzu gerne. Die ältesten Feiergäste halten sich im Hintergrund: "Ja, schon stolz" sei sie, meint eine knapp neunzigjährige Dame im Lodenmantel. Auf die Geschehnisse im Dorf, auf den Staatsvertrag? "Auf die schöne Landschaft. Es ist doch so schön bei uns in der Buckligen Welt, nicht?" Ein älterer Mann gibt ihr Recht. Über das, was vor 65 Jahren war, lässt auch er lieber die Jungen reden. Und während Erwin Prölls Vertreter vor Ort, der Gemeindebund-Vize Alfred Riedl, durchs Mikro gerade verkündet, dass die Zukunft den "Fleißigen mit Eigeninitiative, und nicht den Betreuten und Schmarotzern" gehöre, dreht die Dame im Loden gerade ihren Euro um. Was sie sich für die Zukunft wünscht? "Dass jetzt endlich wer mein Schmalzbrot kassieren kommt." (derStandard.at, 16.5.2010)

 

 

  • Trotz Regen: Großes Feieraufgebot in Hochwolkersdorf
    foto: christian fischer

    Trotz Regen: Großes Feieraufgebot in Hochwolkersdorf

  • Das Essen schmeckt. Da ist der Anlass nicht so wichtig
    foto: christian fischer

    Das Essen schmeckt. Da ist der Anlass nicht so wichtig

  • Dies scheint der Kameradschaftsbund ähnlich zu sehen: Im Haus hinten im Bild saß einst Karl Renner mit österreichischen Widerstandsaktivisten und einem Abgesandten der Roten Armee zusammen
    foto: christian fischer

    Dies scheint der Kameradschaftsbund ähnlich zu sehen: Im Haus hinten im Bild saß einst Karl Renner mit österreichischen Widerstandsaktivisten und einem Abgesandten der Roten Armee zusammen

  • "Eigentlich waren das Verräter", findet dieser Gast
    foto: christian fischer

    "Eigentlich waren das Verräter", findet dieser Gast

  • Dessen Präsident Franz Teszar will über die damals Desertierten lieber nicht sprechen. "Wir sind kein politischer Verein." Besonders wichtig sei ihm die "Treue zur Republik"
    foto: christian fischer

    Dessen Präsident Franz Teszar will über die damals Desertierten lieber nicht sprechen. "Wir sind kein politischer Verein." Besonders wichtig sei ihm die "Treue zur Republik"

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