Erdogan nutzt die Chance

16. Mai 2010, 19:42
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Besuch von Erdogan in Athen war Balsam für die griechische Seele - von Jürgen Gottschlich

"Frieden schaffen mit immer weniger Waffen" ist das erfreuliche neue Motto in den türkisch-griechischen Beziehungen. Der Besuch von Premier Erdogan in Athen war Balsam für die griechische Seele in einer Zeit, wo das Land im übrigen Europa wie ein Paria behandelt wird.

Kommt es zur Regelung jahrzehntealter Gebietsstreitigkeiten in der Ägäis, kann Griechenland in der Tat viel Geld sparen. Kein anderes europäisches Land gibt an seinem Bruttosozialprodukt gemessen so viel Geld für Rüstung aus wie Griechenland. Diese Aufrüstung ist schon lange ein Anachronismus und hat mit der Realität nichts zu tun. Die Türkei hat mit ihrem Kurdenproblem und den unsicheren Grenzen im Osten längst andere Sorgen, als wegen einiger Ägäis-Inseln einen Krieg mit Griechenland zu beginnen.

Von türkischer Seite aus bestehen spätestens seit dem uneigennützigen Einsatz griechischer Helfer in der Erdbebenkatastrophe 1999 kaum noch Vorbehalte gegen eine echte Aussöhnung mit dem Nachbarn im Westen. Es ist deshalb völlig folgerichtig für Recep Tayyip Erdogan, die momentane Offenheit in Athen zu nutzen, um die mögliche Friedensdividende einzufordern. Erdogan hofft, Premier Giorgos Papandreou dazu gewinnen zu können, sich auf Zypern aktiv für eine politische Lösung einzusetzen. Denn die Türkei braucht dringend Fortschritte auf Zypern, wenn ihr Beitrittsprozess in Richtung EU Ende des Jahres nicht völlig zum Erliegen kommen soll. (DER STANDARD Printausgabe, 17.5.2010)

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