Streik statt "Rheingold"

16. Mai 2010, 18:30
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In Italien schlittern Opernhäuser wegen erheblicher Budgetkürzungen in eine Krise

Italien - das Opernmutterland: Hier wurde die Gattung erfunden, heute wird sie dort an 14 Opernhäusern halbwegs pfleglich behandelt und hoch gehalten. Doch es kriselt: Die Rheingold-Premiere, mit der Daniel Barenboim an der Mailänder Scala sein Ring-Projekt starten wollte, ist unlängst wegen eines Streiks geplatzt. Schon beim Maggio Musicale in Florenz hatten all jene Pech, die es nicht in die Premiere der Frau ohne Schatten geschafft hatten - ziemlich reale Schatten der italienischen Kulturpolitik verdunkeln die gesamte Opernszene des Landes.

Mit auffallendem Eiltempo hat die Regierung Berlusconi per Dekret den 340 Millionen Euro umfassenden Musik- und Theaterfonds um ein Drittel gekürzt. Die 14 Opernhäuser sollen die ausfallenden Mittel selbst aufbringen. Dazu wurden ein Einstellungsstopp bis 2012 verhängt, Nebenverdienste untersagt und de facto die Autonomie der Institutionen abgeschafft. Die Opernhäuser sind jetzt praktisch dem Kulturministerium unterstellt, das in den Berlusconi-Jahren noch nie durch besondere Sachkenntnis aufgefallen war.

Gesund ist das Klima für die Oper schon lange nicht mehr. In der Hauptstadt spielt sie keine Rolle, das La Fenice in Venedig wir vor allem als architektonische Attraktion wahrgenommen. Selbst der Maggio Musicale Fiorentino kommt ohne koproduzierenden Beistand aus Valencia nicht mehr in die Gänge. Gemessen am Standard nördlich der Alpen spielt selbst die berühmte Mailänder Scala (der Musikchef der Festwochen, Stéphane Lissner, ist ihr Leiter) oft nur in der mittleren Liga. Aber sie ist ein Symbol.

Doch wenn selbst dieses Flaggschiff unter Beschuss gerät, ist die Katastrophe da. Dabei erwirtschaftet das Haus nicht nur stolze 60 Prozent seines Budgets selbst und spielt zumindest mit dem Inaugurazione-Glamour im Dezember eine Sonderrolle fürs italienische Selbstverständnis.

In Italien hat man mit dem jüngsten Dekret offensichtlich eine Schamgrenze überschritten. Der populistische Stammtisch à la Berlusconi scheint triumphiert zu haben. Die Streiks mögen den Betroffenen die Medienaufmerksamkeit sichern. Doch was heißt das in einer Gesellschaft, die sich auf die oberflächliche Hochglanzästhetik von Fernsehshows einschwören lässt und einem Berlusconi an der Wahlurne immer wieder die politische Mehrheit sichert? Die aufziehende kulturpolitische Operndämmerung, die sich statt des geplanten Rheingoldes jetzt in Mailand so überdeutlich zeigt, wird so zu einer Warnzeichen - auch für andere Länder. (Joachim Lange aus Mailand, DER STANDARD/Printausgabe, 17.05.2010)

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