Opernstudie existenzieller Ohnmacht

16. Mai 2010, 18:21
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Alban Bergs "Wozzeck" im Theater an der Wien: Regisseur Stéphane Braunschweig reüssiert mit Bühnenminimalismus und intensiven Charakterstudien

Freundlicher Applaus für alle.

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Wien - Reist Festwochen-Musikchef Stéphane Lissner nach Wien an, kann er sich - trotz Opern- und Konzertarbeit - wie auf Krisenurlaub fühlen: Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny appelliert bei seiner die Festwochen auf dem Rathausplatz eröffnenden Rede u. a. beruhigend, man möge doch bei Griechenland weniger an Eurokurs und mehr an Akropolis denken. Und auch von jenem Streik, der Lissners Mailänder Scala zurzeit um mindestens eine Premiere bringt, kann er sich in der Donaustadt erholen.

Wobei: Im Theater an der Wien, während der Umsetzung von Alban Bergs Wozzeck, könnten Lissner durchaus auch Streikassoziationen befallen haben. 2003 nämlich, als er noch Intendant des Festivals in Aix-en-Provence war, scheiterte ein schon weit geprobter Wozzeck an einer Arbeitsniederlegung von erbosten Kulturangestellten. Und: Das heutige Leading-Team der Produktion ist ident mit jenem von damals, das seine Arbeit nicht beenden konnte. Ob es daran lag, dass das Regiekonzept von Stéphane Braunschweig seit 2003 in der Schublade reifen konnte, wäre nur spekulativ zu beantworten:

In jedem Fall ist dem Franzosen, der die Salzburger Osterfestspiele in den letzten Jahren mit einem gerade noch soliden Wagner-Ring versorgt hatte, eine eindringliche und auf das Figurenwesentliche reduzierte, stilisierte Studie zur Macht jener ökonomischen Verhältnisse gelungen, die sich brutal und trostlos über die sozialen Netze und jene in ihnen um ein Mindestmaß an existenzieller Stabilität ringenden fragilen Psychen legen.

Braunschweig räumt die Bühne leer. Nur ein blutiger Mond und kleine Wandverschiebungen sorgen in der Düsternis für optische Kontraste. Der Rest ist ein dezenter Lichteinsatz, der sich auf die Figuren konzentriert - wie auch eine Dramaturgie, die das Episodenhafte dieses Werkes zugunsten eines nie abebbenden szenischen Fließens zurückstellt.

Dass zu diesem Fließzweck auch jene Figuren, die gerade nicht im szenischen Einsatz sind, auf der Bühne verweilen, hat den zusätzlichen Vorteil, dass ihre Präsenz zur optischen Magie der Inszenierung beiträgt. Wie in einem lebendigen Museum sozialer Schicksale einer Nachkriegsgesellschaft wähnt man sich da.

Ein derartiger Bühnenminimalismus (bei gleichzeitiger Absenz kühner Werkauslegungen) überlebt allerdings nur, so er als Energiequelle ein nach wie vor genial irritierendes Werk und entsprechend subtil agierende Bühnenprofis zur Verfügung hat.

Nun denn: Georg Nigl ist schlicht eine Idealbesetzung für den geschundenen, gehetzten Wozzeck. Er ist im Gesanglichen und Theatralen poetisch, ohne dabei je harmlos zu wirken. Und er agiert im Expressiven eindringlich, ohne jemals ins Plakativ-Derbe zu kippen. Mit einer Unzahl an darstellerischen Zwischentönen verkörpert Nigl (der 2008 an der Mailänder Scala in einer Jürgen-Flimm-Inszenierung diese Rolle schon umgesetzt hatte) das grandiose Zentrum dieser eleganten Inszenierung.

Ein gutes Ensemble

Angela Denoke (als Marie) wirkte in ihrem Bemühen, Einsamkeit und Begehren darzustellen, um Nuancen weniger unmittelbar als Nigl. Sie trägt allerdings durchaus wesentlich zum subtilen Charme des Abend bei, der von einer gediegenen bis guten Ensembleleistungen (Wolfgang Bankl als Doktor, Heinz Zednik als Narr, Eric Stoklossa als Andres, Volker Vogel als Tambourmajor, Andreas Conrad als Hauptmann, Magdalena Anna Hofmann als Margret) unterstützt wird.

Dirigent Daniel Harding und das Mahler Chamber Orchestra setzen das Werk solide um. Gelingen ihnen mitunter eindringliche Abstecher ins Fragil-Lyrische und Dramatisch-Expressive, so bleiben dies nur punktuelle Abweichungen von einem etwas zu ausgewogenen Interpretationskurs, der sich Klarheit durch Intensitätsverlust erkauft und im Bläserbereich dann auch nicht immer saubersten Glanz versprüht. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 17.05.2010)

17. und 19. 5., Karten: 01/589 22 11, 19.30

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    Stéphane Braunschweig gelingen elegante Bilder: Wozzeck (Georg Nigl), hier umkreist von Schlafkameraden und quälenden Gedanken, sieht den symbolträchtigen blutigen Mond.

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