Kernfusion: Kosten explodieren

16. Mai 2010, 18:21
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Noch bevor der erste Stein gesetzt ist, haben sich die Kosten fast verdreifacht: Der Testreaktor Iter produziert statt Energie nur Kritik

Wird die Erdbevölkerung im 22. Jahrhundert von der Kernfusion leben? Dieses Versprechen machen Atomwissenschafter seit Jahrzehnten. 2006 lancierten die größten Industrienationen den "Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktor" (Iter) im Provence-Ort Cadarache. Es ist ein pharaonisches Projekt: Das Reaktorgelände ist viermal so groß wie bei einem normalen Atomkraftwerk; es benötigt mehr Eisenverstrebungen als der Eiffelturm und eine hundert Kilometer lange Zufahrtsstraße vom Mittelmeer.

Mittelpunkt ist ein Versuchsring von zwölf Meter Durchmesser in einem 60 Meter hohen Betonkasten. Darin wollen die Atomphysiker erstmals überhaupt in einem hochfragilen Gasgemisch eine Kernfusion während fünf Minuten aufrechterhalten. Bei mehr als 100 Millionen Grad, notabene.

Kosten explodieren

Gelingt der Test, soll die industrielle Verwertung der Kernfusion in Angriff genommen werden. Das Iter-Gelände in Cadarache ist nach vier Jahren aber eben erst planiert, da die Erdverschiebungen das Volumen der Cheopspyramide erreichen. Noch bevor von dem Hauptgebäude der erste Stein gesetzt ist, haben sich die Kosten fast verdreifacht. Die EU-Kommission beantragt beim Europäischen Parlament und Ministerrat, ihren Beitrag von 2,7 auf 7,2 Milliarden Euro zu erhöhen.

Allein für 2012 und 2013 fordert Brüssel zusätzliche 1,4 Milliarden ein. Für diese horrenden Mehrkosten müssen die EU-Mitglieder nach dem Verteilschlüssel ihrer Organisation Euratom aufkommen. Die übrigen Iter-Partner werden kaum voll mitmachen. Russland, Indien, China haben nicht die Mittel dazu; Japan ist eingeschnappt, weil ihm der Iter-Standort 2006 knapp entgangen war, und die USA nehmen parallel eigene Kernfusionstests vor. Die Nichteuropäer hatten zudem vor allem materielle oder personelle Beiträge zugesagt; die EU trägt damit die finanzielle Hauptlast, obwohl ihr Beitrag auf dem Papier "nur" 40 Prozent beträgt.

Grüne sehen Milliardengrab

In Zeiten der Wirtschaftskrise wird die Kostenexplosion auch in Europa nicht glatt durchgehen. Frankreich lobbyiert im Hintergrund für das Projekt, auch wenn seine eigenen Kernforscher über den Sinn des Unternehmens gespalten sind. Die deutschen Grünen verlangen, dass die EU aus dieser "Risikotechnologie mit ungewissem Ergebnis" aussteige und das Milliardengrab" zuschütte.

Die Inbetriebnahme der Iter musste bereits von 2015 auf 2019 verschoben werden, die eigentlichen Kernfusionen sollen nicht mehr vor 2026 stattfinden. Der erste industriell einsetzbare Fusionsreaktor nach dem Iter-Modell dürfte frühestens 2060 stehen, die weltweite Verbreitung erst gegen Ende des Jahrhunderts folgen.

Nach den jüngsten Kosten- und Terminkorrekturen sind selbst diese Zeitangaben mit Vorsicht zu genießen. Die Kernfusion bleibt Zukunftsmusik - auch wenn sie jetzt schon Milliarden kostet. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2010)

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    Das Iter-Gelände in Cadarache (Foto vom September 2009) ist  erst planiert worden, die Erdverschiebungen erreichten dabei das Volumen der Cheopspyramide.

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