Reimon: Die Beatles und der archimedische Punkt

16. Mai 2010, 17:26
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Der grüne Spitzenkandidat Michel Reimon will im Burgenland ein Zeichen für ganz Österreich setzen

Eisenstadt - Als Michel Reimon auf die Welt kam, 1971 war das, war die Jugend dieser Welt tief gespalten. Es gab jene, die bei den Rolling Stones den Kopf verloren. Die etwas sanfteren Gemüter lauschten den Beatles. Und weil Reimons Mutter so ein sanfteres Gemüt gewesen ist, heißt Michel Reimon nicht Michael, sondern eben Michel. Quasi gegendert. Denn die Beatles sangen ja: "Michelle, ma belle."

Jetzt, 39 Jahre später, führt dieser Michel die burgenländischen Grünen als Spitzenkandidat in eine, wie er sagt, "Richtungsentscheidung", die ihm weit brisanter erscheint als jene zwischen Stones und Beatles.

Die Zuspitzung der pannonischen Wahlauseinandersetzung auf das Thema Sicherheit eröffne den Grünen, glaubt Reimon, einen Spielraum an den liberaleren Rändern der Großen. "Viele in der SPÖ und der ÖVP sind unzufrieden mit dem Rechtskurs. Da wollen wir punkten."

Die Chancen dafür schätzt Reimon hoch ein, wenn auch nicht ganz so blauäugig hoch wie seine Parteichefin Eva Glawischnig, die unlängst in Eisenstadt von vier Mandaten sprach. "Drei, also eines mehr, sind aber durchaus realistisch."

Die Bedeutung eines solchen Zugewinns sieht Reimon nicht aufs Burgenland beschränkt. Auf ein drittes Mandat würden den Grünen, die 2005 knapp mehr als 10.000 Menschen gewählt haben, bloß ein paar tausend Stimmen fehlen. Aber das Signal wäre im Mainstream der Politik nicht zu übersehen.

Reimon zitiert diesbezüglich den alten Archimedes, dem ja auch ein kleiner, fester Punkt genügte, um die ganze Welt aus den Angeln zu hebeln. "Dass die FPÖ mit ihren Themen die Politik dominiert, liegt daran, dass dort Wähler in Bewegung sind." Etwas Ähnliches erhofft sich Reimon nun aber auch am anderen Ende des Spektrums. Deshalb der zentrale Slogan "Menschlichkeit zählt". Ein paar tausend grüne Stimmen im Burgenland könnten - Reimon: "Würden" - nicht nur die Wahlkampfthemen in Wien und der Steiermark beeinflussen, sondern in weiterer Folge auch die Republik vor einer "Verstracherung" - Reimon: "Abrutschen" - bewahren. Würde dieses erhoffte Signal aber im Burgenland ausbleiben, "dann marschiert die SPÖ weiter nach rechts" .

Michel Reimon ist der unbekannteste aller burgenländischen Spitzenkandidaten. Erst im heurigen Jänner wurde er aufgestellt, sein erstes Plakat verkündete denn auch gleich seine Handynummer mit der Aufforderung"Ruf mich an". der Standard versuchte es umgehend. Und siehe, der neue Spitzenkandidat hob ab.

Reimon ist aber ein typischer Mann der zweiten Reihe, eher Stratege denn Rampensau. "Eigentlich kostet es mich Überwindung, vor vielen Menschen zu reden. Ich habe nur den einen Vorteil, ich lerne schnell. Mittlerweile geht das aber schon ganz gut."

Seit mehr als 17 Jahren arbeitet Reimon als Journalist und Buchautor, vor zwei Jahren erschien Die sieben Todsünden der EU, zu dem Daniel Cohn-Bendit das Vorwort schrieb. Das schreiberisches Handwerk erlernte er beim mittlerweile verblichenen SPÖ-Blatt Burgenländische Freiheit, arbeitete später - "immer als Freier" - unter anderem für den Wiener. Auf seiner Website (reimon.net) beschäftigt er sich bloggend mit den Niederungen der Zunft unter dem Rubrikentitel "Postjournalismus".

Reimon gilt als Zeichen für den Generationswechsel. Urgestein Joško Vlasich hat sich zurückgezogen. Die Jungen - auf dem Kampfmandat hinter Grete Krojer sitzt die 23-jährige Julia Tinhof - werden in Stellung gebracht. Schleppen freilich eine uralte Frage in die neue Zeit - Beatles oder Stones? Michel Reimon zögert keinen Augenblick: "Stones!" (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, 17.5.2010)

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    Michel Reimon führt die Grünen in die Wahl.

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