Sind Spekulanten böse? Nein, Europa ist schwach

14. Mai 2010, 19:49
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Wider die Verunglimpfung der Finanzwelt - Von Ralf-Dieter Brunowsky

In den Zwanzigerjahren haben radikale Parteien viel Beifall und Wählerstimmen dafür bekommen, dass sie Spekulanten für die Wirtschaftsmisere Deutschlands verantwortlich machten. Am schlimmsten trieb es dabei Hitler, der mit dem Begriff vom "internationalen Finanzjudentum" den Weg für den Holocaust auf teuflische Weise einleitete. Die derzeitige Verunglimpfung der gesamten Finanzwelt ist gefährlich.

Sie erinnert fatal an die Zwanzigerjahre. Was Deutschlands Bürger derzeit geboten wird, insbesondere an Politikermeinungen, lässt sie glauben, in der Finanzkrise seien wiederum böse Mächte am Werk. Das begann schon mit Münteferings Begriff von den "Heuschrecken" . Politiker aller Parteien verdächtigen wieder einmal ominöse Mächte, dem Euro den Krieg erklärt zu haben. Dabei ist es die Politik selbst, die verantwortlich für die Krise ist.

Die realwirtschaftliche Globalisierung funktioniert nicht ohne ein globales Finanzsystem. Es ist ein Irrglaube, man könne das voneinander trennen und durch internationale Regeln Exzesse verhindern. Kaum jemand erklärt, wie Spekulation funktioniert. Und deshalb haben die Menschen Angst. Aber man sollte ihnen nicht einreden, dass hier böse und habgierige Menschen unser Land kaputtmachen.

Eine Spekulation ist eine Wette, und zu einer Wette gehören mindestens zwei Teilnehmer. Das heißt, wer den Euro leer verkaufen will, weil er auf fallende Kurse setzt, der muss einen Geschäftspartner finden, der zu diesem Preis kauft und auf einen steigenden Euro setzt.

Einer von beiden verliert, und Angebot und Nachfrage entscheiden darüber, wer. Glaubt die Mehrheit der Anleger an einen fallenden Euro, dann fällt der Euro in der Tat, aber das liegt am mangelnden Vertrauen in die Stabilität des Euro und die damit verbundene Realwirtschaft, und nicht an schlimmen Spekulanten. Wenn aber der Staat den Verlierer vor dem Verlust rettet, dann greift er in diesen Spekulationsprozess zugunsten einer Seite ein und befeuert letztlich selbst die Spekulation. Das richtige Rezept heißt nicht mehr, sondern weniger Staat. In den Vereinigten Staaten sind im vergangenen Jahr 1400 Banken pleite gegangen - und trotzdem funktioniert das Bankensystem weiterhin.

Hohe Steuern, ausufernder Staat, keine sichtbaren Sparanstrengungen und immer höhere Soziallasten bedrohen unsere Wirtschaft, nicht die bösen Finanzmächte. Die Märkte wetten auf die Schwächen Deutschlands und Europas - und genauso viele wetten dagegen. Der Euro bleibt so stabil, wie es die Wachstumsaussichten in Euroland sind oder nicht sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.5.2010)

Zur Person

Ralf-Dieter Brunowsky, Jg. 1949, Diplom-Volkswirt und Buchautor ("Manager in der Medienfalle" ), war früher Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Capital" und betreibt heute die Agentur "brunomedia" ; er lebt in Köln.

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