Basisruf im Schatten der Magna Mater Austriae

14. Mai 2010, 18:49
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Am Freitag diskutierten erstmals Österreichs Bischöfe in Mariazell mit heimischen Pfarrgemeinderäten - Wut und Demut unter einem Dach

Mariazell - Nein, es ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen triumphalen Einzug. Zu stark sind die Nachwehen der letzten Wochen, zu massiv ist die Kritik, zu gering die Vorfreude auf das, was in nächsten Stunden kommen mag. Unauffällig betreten die heimischen Bischöfe den großen Veranstaltungssaal im "Europeum". Es ist der zweite Tag des großen Treffens österreichischer Pfarrgemeinderäte in Mariazell. Und er beginnt mit einem "Kreuzweg" für das Episkopat.

"Wo Gott ist, ist Zukunft" steht in großen Buchstaben auf der Glasfront. Die Blicke bleiben aber vielmehr an den nahe dem Podium platzierten, beschrifteten Umzugskartons hängen. „Iby - yes we can" steht dort unter anderem. Mit dem Vorstoß des Eisenstädter Bischofs in Zölibatsfragen will sich im Bischofsgremium keiner näher befassen. "Ich kommentiere Aussagen eines anderen Bischofs nicht", winkt etwa der Grazer Kollege Egon Kapellari ab.

Inbrünstig stimmen sich dann die rund 400 Pfarrgemeinderäte mit dem Lied Groß sein lässt meine Seele den Herrn auf den Bischofsempfang ein. Doch mit dem letzten Ton endet auch die Harmonie im Saal. Das Podium gehört in den nächsten zwei Stunden der Basis. Und dort scheint sich so einiges aufgestaut zu haben: Wut, Ärger, Enttäuschung, Reformwünsche. Analysiert wird die gegenwärtige Situation der Kirche anhand der 2009 vom Pastoraltheologen Paul Zulehner verfassten Studie zur Situation der Pfarrgemeinderäte in Österreich.

Reformbedarf

"Ich bin es leid, werte Bischöfe, ständig für Sie den Kopf hinzuhalten. Es gibt nichts schönzureden, eine tiefgreifende Reform der Kirche ist unumgänglich", rechnet ein Pfarrgemeinderat mit den geschlossen versammelten Oberhirten ab. Er wehre sich gegen eine "Diktatur einer erstarrten Tradition". Und auch bei der Jugend scheint der Reformwille groß: "Wann haben Sie, liebe Bischöfe, das letzte Mal mit jungen Menschen über Gott und vor allem die Welt gesprochen - oder haben Sie Angst davor?" Standing Ovations sind dem jungen Mann aus der Erzdiözese Wien sicher.

Von Angst ist beim Impulsreferat von Kardinal Christoph Schönborn aber nichts zu spüren. Souverän stellt sich der Wiener Erz-_bischof dem kritischen Publikum und schafft es mit einer Mischung aus Charme und Entschlossenheit, die aufgeheizte Stimmung abzukühlen.

Und gleich zu Beginn legt Schönborn seine Strategie zur Krisenbewältigung offen: "Entdramatisieren, Humor bewahren und die Schläge, die man bekommt, nicht zurückgeben." Und es brauche einen Perspektivenwechsel: „Wir dürfen nicht sehen, wie viele nicht in der Kirche sind. Wir müssen schauen, wie viele der Kirche schon nahe sind." Einer Diskussion über den Zölibat stelle er sich nicht entgegen: "Aber verordnen wir uns in all diesen Fragen ein Querdenken - ein kritisches Gegenlesen."

Zufrieden zeigt man sich am Ende des Basistreffens aber nur bedingt. "Es waren große Worte, gespannt bin ich aber, ob Taten folgen", bleibt Pfarrgemeinderat Alois Brandl skeptisch. Doch auch auf Bischofsebene ist man nicht ganz zufrieden. "Es war bunt - konstruktiv, aber auch populistisch. Fraglich, ob uns das weiterbringt", merkt etwa der Feldkircher Bischof Elmar Fischer an. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16. Mai 2010)

  • Die Kirchenkrise als Fingerzeig: Kardinal Schönborn rät zum Perspektivenwechsel, der pensionsreife Eisenstädter Bischof Paul Iby wird in Mariazell als Reformhoffnung gefeiert
    foto: der standard/kathbild.at/rupprecht

    Die Kirchenkrise als Fingerzeig: Kardinal Schönborn rät zum Perspektivenwechsel, der pensionsreife Eisenstädter Bischof Paul Iby wird in Mariazell als Reformhoffnung gefeiert

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