"Es fehlt bei den Ärmsten"

14. Mai 2010, 18:48
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Bernhard Kerschberger von Ärzte ohne Grenzen erlebt Kapstadt in einer Township. Dort sei man auf Südafrikas WM-Austragung sehr stolz

Standard: Die Welt blickt im Juni während der Fußball-WM auf Südafrika. Wie sieht Ihr persönlicher Blick auf das Land aus?

Kerschberger: Südafrika ist eines der reichsten Länder in Afrika, mit Infrastruktur zum Teil wie in Europa - vor allem in Kapstadt. Auf der anderen Seite haben wir die Townships. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist sehr groß. Und Südafrika ist eines der Länder mit der größten HIV- und Aidsproblematik.

Standard: Wo genau arbeiten Sie?

Kerschberger: Ich arbeite in Khayelitsha, einer Township in Kapstadt. Ungefähr 500.000 Menschen leben dort, in einer Gegend, in der die HIV/Aids- und Tuberkuloserate eine der höchsten ist. Der Kampf dagegen ist die Hauptaufgabe von Ärzte ohne Grenzen - in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden. Ungefähr jeder dritte Erwachsene hier ist HIV-positiv. Es geht uns darum, dass wir möglichst vielen Menschen helfen können. Ärzte ohne Grenzen ist seit zirka zehn Jahren vor Ort: Bis 2010 haben rund 14.000 Menschen in Khayelitsha eine Aidstherapie bekommen, davon ungefähr 800 Kinder. Eine Herausforderung sind die finanziellen Beschränkungen, die sich unter anderem daraus ergeben, dass die Anzahl der HIV-Infizierten sehr groß ist.

Standard: Was ist Ihre Aufgabe?

Kerschberger: Ich bin Epidemiologe. Meine Aufgabe besteht einerseits in der Überwachung des Programms, der Daten über HIV und Tuberkulose. Andererseits bin ich auch involviert in wissenschaftliche Arbeit. Khayelitsha ist eine der Gegenden, wo erstmals HIV-Therapie für arme Menschen angefangen wurde - und es wurde von vielen Seiten bezweifelt, dass das sinnvoll ist. Eines der wissenschaftlichen Themen war, zu zeigen, dass Aidstherapie in armen Gegenden funktioniert.

Standard: Eng verbunden mit dem Aids-Problem ist die Anzahl der Tuberkulosekranken.

Kerschberger: Südafrika hat eines der größten Tuberkuloseprobleme weltweit. Wenn ein Patient mit Tuberkulose ins Krankenhaus kommt, wird ein HIV-Test gemacht - und zu 70 Prozent hat er auch HIV. Ärzte ohne Grenzen versucht, HIV und Tuberkulose zusammen zu bekämpfen. Ein Arzt soll gleich beides behandeln.

Standard: Leben vorwiegend Schwarze in Khayelitsha?

Kerschberger: Fast alle, die in Khayelitsha leben, sind Schwarze. HIV ist vor allem ein Problem jener Bevölkerungsgruppen, die sehr arm sind - und das sind Schwarze. Es kommen auch viele Flüchtlinge, vor allem aus Simbabwe, nach Südafrika. Sehr viele gehen in die Townships. Das führt zu Spannungen.

Standard: Merken Sie bei Ihrer täglichen Arbeit auch etwas von Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen?

Kerschberger: Es arbeiten relativ wenige Weiße in Khayelitsha - ich persönlich merke nichts von Spannungen.

Standard: Das HIV-Problem wird auch verstärkt durch das Problem sexueller Gewalt, oder?

Kerschberger: Ich habe keine Prozentzahlen, aber sexuelle Gewalt ist in Südafrika ein sehr großes Problem. Da ist sicher die Dunkelziffer sehr hoch. Viele Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, gehen nicht zur Polizei.

Standard: Die Menschen, mit denen Sie täglich zu tun haben, haben existenzielle Probleme. Ist für sie die WM trotzdem ein Thema?

Kerschberger: Die Menschen sind sehr, sehr stolz, dass die WM hier in Südafrika ist, und sie sind auch sehr, sehr stolz, dass es die erste WM in Afrika ist. Ein Thema ist die WM für alle - auch für die ganz Armen.

Standard: Beeinflusst das Sport- ereignis die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen?

Kerschberger: Eines der Ziele in den letzten Jahren war, HIV-Therapien in ganz Afrika zugänglich zu machen. Derzeit, in der Wirtschaftskrise, gibt es aber weniger Geld dafür. Es besteht sogar die Gefahr, dass es auch weniger Mittel für jene Menschen gibt, die derzeit eine Aidstherapie bekommen. Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen werden versuchen, im Zuge der Fußball-WM auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Es wird sehr viel Geld in die WM gesteckt. Auf der anderen Seite fehlt es bei den Ärmsten der Armen.

Standard: Merken Sie im Alltag etwas von den WM-Vorbereitungen?

Kerschberger: Die Fußball-WM ist ein sehr großes Thema. Jeden Tag hört man davon im Radio. Ein Problem ist allerdings, dass die Menschen hier mitkriegen, wie in Europa zum Teil negativ über Südafrika berichtet wird - dass das Sicherheitsrisiko sehr hoch sei zum Beispiel. Das verstehen die Leute nicht. Ich erlebe es auch nicht so. Ich bin überzeugt, dass die WM gut ablaufen wird.

Standard: Wird im Township auch Fußball gespielt?

Kerschberger: Ja, vor allem die Jugendlichen und Kinder spielen gern Fußball. Ein Problem ist aber, dass die Townships sehr überbevölkert sind und es kaum Platz dafür gibt.

Standard: Wer wird Weltmeister?

Kerschberger: Viele hoffen, dass Südafrika Weltmeister wird. Viele glauben, es ist nicht möglich. Ich hoffe, dass ein afrikanisches Team Weltmeister wird - was für den afrikanischen Fußball, für den Kontinent sehr gut wäre. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe 15.05.2010)

ZUR PERSON:

Bernhard Kerschberger (32), Allgemeinmediziner, ist seit November 2009 für ein Jahr für Ärzte ohne Grenzen in Südafrika. Der Steirer machte schon bei seiner Famulatur Afrika-Erfahrungen: in Nigeria.

  • Bernhard Kerschberger mit einem Patienten in Khayelitsha.
    foto: msf

    Bernhard Kerschberger mit einem Patienten in Khayelitsha.

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