Liebesdepressionen hinterm Regenvorhang

14. Mai 2010, 18:17
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Wie angewurzelt: Arthur Schnitzlers "Das weite Land" mit Sandra Cervik als Genia und Peter Scholz als Doktor Franz Mauer in Wien

Wien - Auch wenn Duelle längst abgeschafft und jüngst sogar Glühbirnenfabrikanten der Vergangenheit zuzurechnen sind: Arthur Schnitzlers Das weite Land bleibt eine der klügsten Studien gesellschaftlicher Moral. Das aus unerfindlichen Gründen als "Tragikomödie" klassifizierte Drama, 1911 am Wiener Volkstheater uraufgeführt, erzählt von fahrlässigen Fluchtversuchen aus beengenden Verhältnissen einer aristokratischen Ehe um die Jahrhundertwende.

Friedrich Hofreiter (Herbert Föttinger), Glühbirnenfabrikant aus Baden bei Wien, unterhält neben seinen blühenden geschäftlichen Verbindungen ebensolche privater Natur zu Damen aus der unmittelbaren Umgebung. Seine um einiges jüngere, dennoch schon frustrierte Frau Genia (Sandra Cervik) registriert die Verhältnisse mit säuerlichem, aber ratlosem Tonfall. Sie selbst hatte unlängst an einem Pianisten Gefallen gefunden. Ihre Tugendhaftigkeit ließ diesen jedoch verzweifeln; er hat sich umgebracht.

Soweit die triste Ausgangslage, auf die es Regisseur Josef E. Köpplinger im Theater in der Josefstadt kräftig herunterregnen lässt. Hinter dem Regenvorhang am nunmehr verwaisten Klavier schlägt Genia, die als Einzige der Beerdigung ferngeblieben ist, ein paar deprimierende Töne an und tritt wie Undine mit regennassen Haaren an die Rampe. Es beginnt ein statuarisches Spiel, in dem die Schauspieler meist so angewurzelt wirken wie der die kahle Bühne dominierende Nussbaum, der regelmäßig erzittert, sobald sich ein verliebter Kopf an ihn anlehnt. Von Zeit zu Zeit setzt die Technik (Rolf Langenfass) die Drehbühne in Gang, sodass wenigstens das Klavier um den Baum seine Kreise zu ziehen beginnt.

Umringt von Alltime-Stars wie Kurt Sobotka, Helmuth Lohner oder Gertraud Jesserer gibt Föttinger einen Big Player rauen Zuschnitts, der mit großen Schritten seinem Begehren freien Lauf lässt. Neben ihm erscheint Genia wie gelähmt. Die Unglückseligkeit ihrer aus purer Revanche begonnenen neuen Affäre mit dem jungen Fähnrich Otto (Martin Hemmer) ist vorprogrammiert.

Gerti Drassl als Hofmeisters neue Eroberung Erna ist das am stärksten pulsierende Geschöpf der Inszenierung. Sie hat sich in dieser flächendeckenden Regie-brache an die Regieanweisungen geklammert und "geradeheraus bis zu Unbedenklichkeit" agiert. Unkontrolliertes Herumstehen brachte schon vor der Pause im dritten Akt, im Hotel Völser Weiher, das Stück zum Erliegen. Leichte Erholung im vierten und fünften Akt kann dieser Sparvariante einer Seelenerkundung allerdings nicht mehr auf die Beine helfen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.05.2010)

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    Sandra Cervik (Genia) und Peter Scholz (Doktor Franz Mauer) in Arthur Schnitzlers "Das weite Land".

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