Fotos um mich herum

14. Mai 2010, 16:41
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Immer wieder schaue ich ihre Fotos an. Ich frage mich, was ich über sie weiß. Hatten sie Freundinnen? Wohlgehütete Geheimnisse?

Wie oft kamen sie hinaus aus ihren kleinen Welten?

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Manchmal erscheinen sie mir im Schlaf, meine Großmütter, meine Ahninnen. Nein, das ist Quatsch, aber ich brauchte hier einen guten Einstieg. Immerhin aber denke ich öfter an sie, als man glauben sollte. Da gehen sie ineinander über, ihre Gesichtszüge verwischen, ihre Stimmen. Strenge Frisur zeit ihres Lebens die eine, weiche Dauerwelle zumindest im Alter die andere, die jüngere, die letztlich jedoch die ältere wurde und deren Stimme ich manchmal in denen meiner Mutter und meiner Tante wiederzuerkennen glaube. Josefa die eine, Rosa die andere. Schöne Namen. Schöne, klare, gerade Namen. Die sie jetzt zurückbekommen, denn irgendwann im Laufe ihrer langen Leben haben sie sie ein bisschen verloren, ihre Namen, waren zur "Muatta" geworden. "Muatta, kimm, geh weita, kimm ins Bett!!", hat der Vater gerufen, erzählt meine Mutter und muss ein bisschen lachen, und sie kam, die Rosa zu ihrem Johann. Zwei seiner Brüder hatten zwei ihrer Schwestern geheiratet, die Familie war eng. Sie waren überhaupt eine tochterreiche Familie, als siebtes von sieben Mädchen war Rosa zur Welt gekommen und sie sollte die Tradition der Töchter fortsetzen.

Rosa und Josefa also. Mühlviertler Bäuerinnen beide, in dieses mitunter harte Leben hineingesetzt ohne Wahl, ohne Möglichkeit, ein anderes zu wählen, obendrein einer Generation zugehörig, die beide Weltkriege durchleben musste, obendrein weiblich, also selten gefragt worden seiend.

Während ich schreibe, schaue ich immer wieder in ihre Gesichter. Ich habe Fotos um mich herum ausgebreitet, alte Schwarzweißbilder quer durch die Zeit, ein bisschen Sepia, zum Teil noch ganz feste Kartons, fotografisches Atelier Duschill, Urfahr-Linz. Familienfotos, Einzelporträts, Sterbebilder - "Christliches Andenken an ..." , Hochzeitsbilder. Da stehen die Bräutigame daneben, der eine, Rosas Mann Johann, ist mir vertraut, den anderen, Peter, habe ich nie kennengelernt. Zwischen den Hochzeiten liegen 24 Jahre, Josefa war die Erste, 1906 hat sie geheiratet mit gerade mal 20, der Bräutigam ist zehn Jahre älter, und Rosa, die kleine Rosa, die meine andere Großmutter werden sollte, ist erst winzige fünf.

Josefa trägt bei ihrer Hochzeit eine lange, dunkle Tracht aus einem schweren glänzenden Stoff. Ihre streng zurückgenommenen Haare verschwinden unter einem Kopftuch, das sich wie zwei Flügel links und rechts über ihre Schultern erhebt. Sie lächelt nicht. Überhaupt lächelt selten jemand auf den alten Bildern. Als seien sich alle der Größe der Augenblicke bewusst, welcher auch immer. Ganz anders Rosas Hochzeitsbild, ihr Kleid ist hell, nicht ganz weiß, unterscheidet sich von der Weiße der Blumen in ihrer Hand, eine Nuance von Creme wird es vielleicht gewesen sein, mit Spitzen garniert und nur halblang, im Stil der 30er-Jahre eben, und 1930 schrieben sie ja, also man ging wohl auch auf dem Land ein bisschen mit der Mode. Weißglänzende Strümpfe trägt sie, wahrscheinlich mit Strumpfhaltern, was heißt wahrscheinlich, sicher sogar, die Strumpfhosen brachten doch erst die Amerikaner nach dem Krieg. Schwarze Lackschuhe mit Riemchen, sehr schick, und auf den leicht ondulierten Haaren sitzt ein Kränzchen aus kleinen weißen Blüten, passend zum Blumenstrauß und passend zu dem Ansatz eines Lächelns, den ich in ihrem Gesicht entdecke. Ich halte sie vor mich hin, die beiden Bilder, vergleiche ihre Kleider, ihre Frisuren, ihre jungen Gesichter, halte meines dazwischen, erinnere mich daran, dass meine Mutter früher manchmal sagte, ich sähe Josefa ein bisschen ähnlich, und dass mich das ein wenig erschreckte, denn sie wirkt so streng auf all den Bildern.

Und genauso hat mein Vater sie in Erinnerung, streng, resolut, eine schneidige, große Person, sich behauptend in der männerdominierten Welt eines Bauernhofes und diesen allein führen müssend in der Zeit des Ersten Weltkrieges, weil ihr Mann, mein Großvater, ins Feld musste. Da hatte sie schon vier Kinder und dann kamen noch fünf, mein Vater war 1925 der Letzte. Von da an ist vielleicht ein bisschen so etwas wie Ruhe in ihr Leben eingekehrt. Keine Schwangerschaften mehr, die Kinder zum Teil schon fast erwachsen, die schwere Männerarbeit wieder in Männerhänden. Auf einem Foto steht sie hinter ihren beiden jüngsten Kindern, da ist sie vielleicht 50, immer noch kein Lächeln, immer noch die strenge Frisur, alt ist sie geworden vor der Zeit, man sieht ihr das Leben an und dass es nicht leicht war. Dann der neue Krieg, Zeit für Schicksalsschläge.

Im März 1941 stirbt ihr Mann, fährt zur Arbeit in den Wald, steigt vom Gespann, fällt um, ist tot, die französischen Kriegsgefangenen haben ihn heimgebracht. Ein bisschen gekränkelt hat er vorher, mehr nicht. Nun ist sie wieder allein mit allem, die erwachsenen Söhne im Krieg und den jüngsten werden sie zwei Jahre später auch noch holen.

Sie hat nie darüber gesprochen

Zwei ihrer Kinder sterben. Peter bleibt 1944 im Krieg, und zehn Jahre später wird Fanny an der Lunge sterben, nachdem sie gerade noch ihr drittes Kind zur Welt gebracht hat. Fanny, die zarte, anmutige Fanny. Deren Foto ich vor mir habe. In deren Gesicht etwas Trauriges liegt. Ihre Augen machen das, als wüssten sie so manches voraus. Von Josefas Schmerz, ihrer Trauer weiß ich nichts.

Auch Rosa hat ein Kind verloren, den lang ersehnten Sohn, den Hoferben. Er war ihr viertes Kind nach drei Töchtern, Johann, Hansi, benannt nach dem Vater, wie es halt üblich war. Er wurde nur sechs Wochen alt, starb an einer Krankheit, an der Babys heutzutage wohl nicht mehr sterben würden. Auch von Rosas Schmerz habe ich nichts erfahren. Sie hat nie darüber gesprochen, sagt meine Mutter. Ich frage nach, hake ein. Träume. Sehnsüchte. Schmerz. Meine Eltern zucken die Schultern und ich nicke. Was weiß man schon über die Träume und Sehnsüchte und Schmerzen seiner Eltern? Doch nur so viel, dass es sie gegeben haben muss, weil es sie eben einfach gibt. Nicht erst heute. Nein.

Wieder schaue ich Fotos an. Hatten sie Freundinnen, Josefa und Rosa, Freundinnen, denen sie sich anvertrauen konnten? War Zeit dafür? Gab es Geheimnisse, die wohlgehütet bleiben mussten? Wann und wie oft kamen sie hinaus aus ihren kleinen, überschaubaren Welten? Sonntags. Zumindest sonntags zum Kirchgang. Hinunter von ihren Bergen. Aber wahrscheinlich nie allein. Oder selten. Immer Kinder dabei. Oder Dienstleute. Oder natürlich den Ehemann. Gab es trotzdem manchmal eine kleine Einsamkeit, in der sie ganz bei sich sein konnten? Um sich in ihre Sehnsüchte zu schmiegen? Die, von denen keiner wusste. Von denen keiner wissen durfte. Haben sie es überhaupt gewagt, solche Sehnsüchte zu haben?

Je mehr ich über sie erfahre, je mehr ich über sie schreibe, desto neugieriger werde ich auf diese Vorfahrinnen, desto mehr wird mir aber auch klar, dass sie nicht mehr wirklich greifbar sind für mich, entschwunden in eine Welt, die ich nur mithilfe meiner Eltern betreten kann und die sich von meiner so sehr unterscheidet.

Ist, frage ich mich, was ich über sie weiß, gesichert? Oder ist, was ich über sie weiß, lediglich Erinnerung ihrer Kinder, meiner Eltern, und also vermischt mit den Gerüchen von Kindheit und Erwachsenwordensein und also mit nostalgisch verklärenden Anstrichen versehen?

Ich sammle Spuren aus meinen eigenen Erinnerungen und halte sie fest im Flieger nach Düsseldorf vor einer Lesung und einem Treffen mit meiner Lektorin. Der Lärm in diesen kleinen Maschinen ist so laut, dass ich mich fühle wie auf einer Insel, Stimmen dringen zu mir wie aus einem Pulk von Seifenbläschen, die auf mir liegen, leicht zwar, aber so, dass sie alles geschluckt haben. Kann es ihr ähnlich ergangen sein, der ersten Großmutter, Josefa, der älteren, dass alles nur mehr wie durch Watte zu ihr drang, nachdem sie hingestreckt worden war von einem Schlaganfall im fünfundachtzigsten Jahr befindlich, am Gitterbettchen des jüngsten Sohnes ihres jüngsten Sohnes sitzend?

Irgendwo in diesem Szenario muss auch ich gewesen sein, vierjährig, denn ich habe diese Bilder vor Augen, meinen kleinen Bruder und dann die Mutter, die vom Stall hereinkam und die plötzliche Schiefheit der Großmutter bemerkte. Das Baby, ein Dreivierteljahr alt, brabbelte wohl fröhlich weiter, nicht ahnend, dass der Tod angestreift war und seine Klauen gesetzt hatte, seine Zähne, die knabberten nun in diesem Dezember des Jahres 69', der ließ die "Muatta" vier Tage und Nächte lang vor sich hin sterben, so, wie man damals halt starb. Zu Hause. Im Bett liegend, in der "Kammer" , im Durchgangszimmer zur "Höh" , wo die anderen schliefen, der Sohn, die Schwiegertochter, die sieben Enkelkinder. Sie wartete mit dem Sterben, bis alle um ihr Bett versammelt waren, nachmittags gegen fünf waren auch die ältesten Kinder heimgekommen und da ging sie dann. Alle weinten, mir blieben das Staunen und die Stille und die Bilder, die ich heute noch in meinem Kopf habe. Tags darauf füllte die Stube sich mit den Nachbarn und Verwandten, sie saßen auf den Bänken, die sich die Wände des Raumes entlangzogen, sie beteten, wie ein monotoner Singsang klang das in meinen Ohren, und die, der die Gebete gehörten, lag in der Kammer nebenan aufgebahrt und wächsern geworden, und im Anschluss gab es Brotschnitze und Most. Es war mein erster Tod.

Sie überlebte ihn tapfer

Zuvor hatte ich ihr Tag für Tag die Knöpfe der Bluse geschlossen. Mit schon brüchig gewordener Stimme hatte sie mich regelmäßig zu sich gerufen und meine Kleinmädchenfinger taten, was sie nicht mehr schaffte, weil ihre Altfrauenfinger nicht mehr imstande waren, sich zu schließen.

Ich denke an den anderen Tod, Rosas Tod. Obwohl er mehr als 20 Jahre später stattfand, obwohl ich längst erwachsen war und selbst schon mein erstes Kind hatte, hat dieser Tod weniger Spuren in meinem Kopf hinterlassen. Ich erinnere mich kaum. Ich habe erfragt, dass sie an einer Lungenentzündung starb, in einem Krankenhaus, im neunzigsten Jahr stehend, nachdem sie beim Strümpfeanziehen vom Sofa gefallen war und sich den Oberschenkelhals gebrochen hatte. Da hatte sie schon lange nicht mehr auf dem Hof gelebt. Mein Großvater hatte ein Häuschen gekauft für sich und seine Frau, zehn Gehminuten vom Hof entfernt, mit 76 und 80 Jahren hatten sie sich umgepflanzt und erstaunlich rasch in ihre neuen Leben gefunden. Ich erinnere mich gut daran, ich war ein Volksschulkind und manchmal durfte ich bei den Großeltern im "Häusl" übernachten. Da gab es zuckrige Grießnudeln zu essen, die hab ich geliebt. Und Rosas Gesicht hab ich geliebt, diese Haut, die war faltig, aber ganz weich, und sie duftete nach irgendetwas, was ich heute nicht mehr weiß. Dann, nach diesen harmonischen letzten Jahren, wurde mein Großvater krank und starb, und sie überlebte ihn tapfer um elf Jahre. Oft ging sie "hoam" , hinauf zur Tochter, und als sie in der Nachbarschaft einen ganzen Hof wegschoben, um einer Straße Platz zu machen, war ihr das eine sehr große Traurigkeit. Daran erinnere ich mich gut, an ihre klagende Stimme, wie sie um diesen Hof weinte, wahrscheinlich weinte sie ein bisschen um sich selbst und ihre Vergangenheit, die ihr unter den Fingern fortgeflossen war in all den Jahren, wie sie's halt einfach immer tut, die Vergangenheit, nicht neu das, nein.

Auch Josefa ging oft zu ihren Töchtern, half ihnen, brachte ihnen zu Weihnachten Kekse. Noch mit 80 legte sie zahllose Kilometer zurück, liebte das, die Wanderungen, die Wallfahrten auf den Pöstlingberg, nach Wilhering. Bis auch sie stürzte. Oberschenkelhals. Und danach als Gehhilfe einen Sessel vor sich her schieben musste. Und nicht mehr fort konnte. "Sie hatte es nicht leicht" , sagt meine Mutter, "heute weiß ich das. Sie hat viel aushalten müssen, hatte keine Ruhe, die Durchgangskammer, die vielen kleinen Kinder. Sie war doch schon 70, als ich an den Hof kam."

Da fing dann das "Kleinerwerden" an, zog sich über die letzten Jahre. Auch ihre "Muatta" , sagt meine Mutter, sei eine "große, feste" Person gewesen, ähnlich wie die "Muatta" auf dem Loislbauernhof, aber dann, gegen Ende hin, seien sie so "klein zusammengekommen" , alle beide. Das sei halt so. Gegen Ende hin.

Ich sortiere die Fotos wieder auseinander, lege sie zurück in die Schachteln und Alben, wo sie hingehören. Klein zusammengekommen. Ist das der Weg? Den sie vorgegangen sind, Josefa und Rosa?

Vielleicht träume ich ja wirklich einmal von ihnen. Es würde mir eine Ehre sein. (Gabi Kreslehner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.05.2010)

Zur Person:
Gabi Kreslehner, geboren 1965 in Linz, ist Autorin und Hauptschullehrerin. Zuletzt erschien im Februar 2010 ihr Roman "In meinem Spanienland" im Picus Verlag.

  • Je mehr ich über sie erfahre, je mehr ich über sie schreibe, desto 
neugieriger werde ich auf diese Vorfahrinnen ...
    bild: privat

    Je mehr ich über sie erfahre, je mehr ich über sie schreibe, desto neugieriger werde ich auf diese Vorfahrinnen ...

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