Die Poesie der Duty-free-Zone

14. Mai 2010, 16:40
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Erkundungen des Flughafen Heathrow: Beobachtungen aus dem Alltag, ironisch und amüsant in literarische Form gegossen

Es ist eine wohlkalkulierte PR-Maßnahme werbetüchtiger Städte, die auf ihr kulturelles Potenzial verweisen wollen, einem Schriftsteller auf bestimmte Zeit den Titel "Writer in Residence" zu verleihen. Der Dichter macht es sich also mit seinem Taschengeld für vier Wochen oder drei Monate oder auch sechs gemütlich in Minsk oder Mannheim oder mit etwas Glück auf Sylt und hätte dafür nichts weiter zu tun, als in seiner Dichtung möglichst zu Lobpreisungen der Stadt Minsk oder Mannheim oder der Insel Sylt anzuheben, ihrer Kunstverbundenheit zu huldigen. Eine Stadt als Arbeitgeber des Autors, der in Varianten auch zum "Turmschreiber" (München) oder "Seeschreiber" (Wolfgangsee) ernannt werden kann.

Vielleicht seiner stadtähnlichen Ausmaße wegen beschloss unlängst der Londoner Flughafen Heathrow, sich ebenfalls einen "Writer in Residence" zu leisten. Dem gebürtigen Schweizer Alain de Botton (41), der mit seiner Familie in London lebt, wurde vergangenen Herbst für eine Woche ein Schreibtisch im Terminal 5 aufgestellt, dessen Inbetriebnahme der Flughafeneigentümer Grupo Ferrovial auf diese Weise bewerben wollte. De Bottons ebenso amüsanter wie tiefgründiger Erfahrungsbericht liegt nun unter dem schlichten Titel Airport bei S. Fischer vor: eine kleine Kulturgeschichte des Reisens und eine ausführliche philosophische Begriffserklärung zugleich.

Schon in früheren Büchern (Versuch über die Liebe, Wie Proust Ihr Leben verändern kann) extrahierte Alain de Botton, der neben seiner literarischen Arbeit Dokumentarfilme mit seiner eigenen Produktionsfirma dreht, philosophische Themen aus aktuellen Gesellschaftsproblematiken.

In Airport entstehen aus dieser Verknüpfung herrlich ironische Passagen: Wenn de Botton beispielsweise die Wut eines Passagiers wegen seines verpassten Fluges mit Senecas für Kaiser Nero verfasster Analyse Über die Wut kontert oder die Poesie der Speisekarte im Flughafenhotel mit jener der japanischen Haikus vergleicht. Alain de Bottons Betrachtungen lassen nichts aus.

Systematisch werden alle Bereiche des Flughafens erkundet, natürlich auch und vor allem jene, die den Passagieren selten zugänglich sind. Gespräche etwa mit dem Flughafen-Schuhputzer, mit den jungen Sicherheitschefinnen wie dem Vorstandschef der British Airways bauen die Kapitel "Abflug" , "Duty Free" und "Ankunft" auf. Mit seinen Erzählungen und Fortdichtungen zahlreicher Passagierschicksale fängt de Botton die Magie der Abflugs- und Ankunftshallen ein: die Träume, zu denen die Anzeigetafeln verleiten, die großen Gefühle bei Trennung und Wiedersehen. In seiner Vitalität gebremst wird der Erzählfluss lediglich ein wenig durch die nicht ganz glückliche konsequente Verwendung des Präteritums (die leichtfüßige Übersetzung aus dem Englischen stammt von Bernhard Robben) - doch zweifellos ist Alain de Botton ein Meister des eleganten Stils.

Seine Sprache ist wendig und geschmeidig; lange, ruhig fließende Sätze verleihen dem banalen Alltagsgeschehen Literarizität. "Airport" wird durch diesen Widerspruch zu einem Buch voller Raffinesse: die Herangehensweise eines Journalisten, der wie für eine Zeitungsreportage recherchiert, wird kunstvoll in die Worte eines Dichters gehüllt. (Isabella Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.05.2010)

Alain de Botton, "Airport. Eine Woche in Heathrow" . Aus dem Englischen von Bernhard Robben. € 16,95 / 122 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/Main 2010

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    foto: fischer-verlag
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