Schlüssel in die Tasche

14. Mai 2010, 16:39
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Ein europäischer Klassiker in neuem Gewand: Laurence Sternes "Empfindsame Reise" , übersetzt von Michael Walter

Lessing war hingerissen von ihm, der Herr Geheimrat Goethe nicht minder. So unterschiedliche Temperamente wie Jean Paul, Friedrich Nietzsche, Arno Schmidt, Sigmund Freud oder Javier Marías zählen zu seinen Bewunderern: Die Rede ist von dem britischen Pfarrer und Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768), der ein nur schmales, dafür aber um so einflussreicheres Werk hinterlassen hat: den zwischen 1759 und 1767 publizierten neunbändigen Roman Tristram Shandy und die im Jahr darauf, lediglich drei Wochen vor Sternes Tod erschienene Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, in der ein nach dem Hofnarren in Hamlet benannter geistlicher Herr namens Yorick, ein Alter Ego des Dichters, über eine von allerlei gefühlsmäßigen und erotischen Kalamitäten gesäumte Tour durch den alten Kontinent berichtet.

Beide Bücher waren ungeheuer erfolgreich, nicht nur in England selbst, sondern vor allem in Deutschland. Den Exponenten eines Bürgertums, das sich im Schoße des Adels zu emanzipieren begann und seine Subjektivität entdeckte, kam ein zur akribischen Emotionsbeobachtung neigender Dichter wie Sterne gerade recht. ("Großes SENSORIUM der Welt!", ruft Yorick an einer Stelle aus; "Teure Empfindsamkeit! Unerschöpfliche Quelle all dessen, was schätzenswert ist an unseren Freuden und köstlich an unserem Leid!" an einer anderen. )

Der von dem deutschen Frühaufklärer Bode eigens ersonnene Neologismus "empfindsam", zur Verdeutschung des "sentimental" im Buchtitel (A Sentimental Journey), gab schließlich sogar einer ganzen literarischen Strömung den Namen.

Nach seiner vielgelobten Übertragung des Tristram ins Deutsche hat sich der Übersetzer Michael Walter nun auch der Empfindsamen Reise angenommen. Der Berliner Galiani-Verlag tut sein Möglichstes, die Zutagelegung frivoler Aspekte in der Übersetzung von Sternes zweitem Werk hervorzustreichen ("das perfideste Buch der Weltliteratur" ) und leistet damit womöglich falschen Erwartungen Vorschub. Herr Yorick ist kein berserkerhaft durch die Lande ziehender Libertin, sondern ein, nun ja, empfindsamer Herr, der auch sprachlich mit der feinen, ironischen Klinge arbeitet und dem die Ambivalenz von Sätzen wie "Die fille de chambre stund bei mir, bis ich die Tür abschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte" wohl bewusst ist.

Begegnungsminiaturen

Die Empfindsame Reise ist eine in paradoxer Weise zugleich leichte und schwierige Lektüre. Die von einer Reisebegegnungs-miniatur zur nächsten dahinfließende Handlung ohne jede große dramatische Peripetie, sowie der elegante, unangestrengte Stil Sternes verleihen dem Buch eine Atmosphäre durchgängiger Leichtigkeit. Andererseits ist die Reise auch das Kind einer lange vergangenen Zeit, zu dem der Brückenschlag nicht so ohne Weiteres herzustellen ist - auch nicht unter dem Titel des Jahrhunderte umspannenden gemeinsamen Frivolitätsgenusses.

Der Verlag leistet dem Leser allerdings großzügig Hilfe zur Entschlüsselung und zum Verständnis des Textes. Von der tendenziösen Bewerbung einmal abgesehen, ist die Ausstattung des sehr ansprechend gestalteten Buches hervorragend: ein umfangreicher, vom Übersetzer verfasster Anmerkungsapparat erhellt die subtilen Bezugnahmen Sternes auf seine Zeit sowie die vielen französischen Zitate im Originaltext. Und Wolfgang Hörners informatives Nachwort verortet die Sentimentale Reise in ihrem Entstehungsumfeld und schildert ihre spektakuläre Wirkungsgeschichte durch mehrere Jahrhunderte hindurch. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.05.2010)

Laurence Sterne, "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick" . Aus dem Englischen von Michael Walter. € 24,95 / 357 Seiten. Galiani-Verlag, Berlin 2010

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    foto: galiani-verlag
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