Zwischen Park und Wettcafé

16. Mai 2010, 18:43
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"Man wird blass bei den Summen, die verspielt werden" - Die JugendZone 16 hat eine Sozialraumanalyse durchgeführt

Wien - "Es ist warm drinnen, es gibt keinen Konsumationszwang, man darf rauchen, kann sich gratis Spiele der Heimat-Ligen anschauen und ist der Kontrolle der Familie entzogen. Wettcafés sind für Jugendliche sehr attraktiv", erklärt Christian Holzhacker, Leiter der JugendZone 16 in Wien-Ottakring, die Anziehungskraft der "wie Schwammerl aus dem Boden sprießenden" Glücksspiellokale auf die Heranwachsenden im Bezirk.

"Unserer Wahrnehmung nach ist die Spielsucht ein weit größeres Problem als der Missbrauch von Substanzen", so Holzhacker gegenüber derStandard.at. "Man wird blass bei den Summen, die verspielt werden." Vor allem männliche Jugendlichen ab 15 Jahren würden sich, wie ein Blick in Spiellokale zeige, dort gerne ihre Freizeit verbringen, wenn sie sich nicht im Park treffen. Parkanlagen sind nämlich die unangefochtene Nummer eins unter den Lieblingsorten von Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen, wie die von Holzhacker koordinierte Sozialraumanalyse zum Einzugsgebiet des Jugendzentrums in der Ottakringer Straße zeigt.

Begrenzte Hoffnung Glücksspielgesetz

Auf das neue Glücksspielgesetz und strengere Kontrollen hofft der bei der Ergebnispräsentation anwesende, selbst aus Ottakring stammende Bildungs- und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch. So solle das neue Gesetz unter anderem Abkühlphasen bei den Automaten festlegen. Auch Holzhacker begrüßt eine bessere gesetzliche Handhabe, sieht die Chancen auf eine Lösung aber beschränkt: "Die Lokale werden privat vermietet. Oft ist es für die Angestellten, die selbst noch jung sind, auch nicht leicht, jene drei herauszufinden und hinauszukomplimentieren, die noch nicht 18 Jahre alt sind."

Besonders für Jugendliche, die den Schritt nicht in den Ausbildungs- und Lehrstellenmarkt geschafft haben, einer wesentlichen Zielgruppe der JugendZone 16, stellt das Glücksspiel, Erfolgserlebnisse vorausgesetzt, auch eine Möglichkeit zur Selbstwertbestätigung dar, ortet Holzhacker einen Grund für den Reiz des Wettens. Genau hier versucht auch die Jugendarbeit einzuhaken: "Es geht uns darum, Anerkennung auch in ihrer Situation zu vermitteln und das Gefühl zu stärken, dass sie subjektiv handlungsfähig bleiben. Selbstwert fördernde Angebote haben auf den zweiten Blick sehr wohl mit Ausbildung zu tun", betont Richard Krisch, bei den Wiener Jugendzentren für pädagogische Grundlagenarbeit verantwortlich.

"Fixierung auf Schreibfähigkeit blendet oft andere Fähigkeiten aus"

Über 90 Prozent der Heranwachsenden, die die JugendZone 16 frequentieren, haben Migrationshintergrund, d.h. mindestens ein Elternteil ist ohne Staatsbürgerschaft eingewandert. Man sei bei den Maßnahmen nicht nur au den Arbeitsmarkt fokussiert, sondern um Kompetenzentwicklung bemüht, so Krisch. "Die Fixierung auf die Sprach- und Schreibfähigkeit blendet oft andere Fähigkeiten aus. Manche können etwa einen Motor hin und zurück zerlegen aber das Wort Zündkerze nicht schreiben. Andere sind sehr kommunikativ oder bereit, Verantwortung zu übernehmen."

In der JugendZone 16 wird den Besucherinnen und Besuchern unter anderem auch  geholfen, wenn es um Bewerbungsschreiben geht und die Vermittlung zun passenden Beratungsstellen geht. Niederschwellige arbeitspolitische Angebote wie "space!lab" oder "c'mon 14" und" c'mon 17" sollen den Jugendlichen helfen, am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "Die dramatische Lehrstellensituation ist ein immer größeres Problem", so Krisch. Rund 5.000 Jugendliche absolvieren in Wien in derzeit Maßnahmen, bei denen es sich nicht um eine echte Lehrstelle handelt.

Treffpunkt Park

Bei allen Kindern, Teenies und Jugendlichen gleichermaßen beliebt sind die Parks in Ottakring, die unangefochten an erster Stelle rangieren, wenn es um zentrale Orte geht, an denen die Freizeit verbracht wird. Einzig das Kongressbad schafft es zumindest bei Mädchen im Teenager-Alter auch an die Spitze der Lieblingsorte.

Entscheidend, warum eine bestimmte Parkanlage frequentiert wird, sind bei allen die jeweiligen Freunde, erst danach kommt die Nähe zum jeweiligen Wohnort. Recht unterschiedlich fällt aber die Raumaneignung aus. Während Burschen sehr häufig "territorial" agieren und einen Raum "besetzen", stehen bei Mädchen sich Räume kommunikative Prozesse im Vordergrund, wobei sie weniger raumgreifend aber dafür mobiler agieren: Bleiben Burschen über 12 Jahren vorzugsweiseüber einen längeren Zeitraum am selben Platz, um etwa zu plaudern oder Fußball zu spielen, suchen sich die Mädchen, die oft in Zweier- und Dreiergruppen unterwegs sind, ständig neue Plätze.

Dazu hält die Sozialraumanalyse, in deren Rahmen ExpertInnen-Interviews und Parkbeobachtungen ebenso durchgeführt wurden wie Stadtteilbegehungen, auch generell fest, dass es für Mädchen schwieriger ist, einen guten Platz in der Freizeit zu finden. Relevant sind auch Orte, die sich dem Betrachter nicht sofort als Sozialraum erschließen. So nutzen Mädchen etwa auch Mauervorsprünge in kleinen Seitengassen als Sitzgelegenheiten oder Hauseingänge, die Schutz vor Regen bieten, um sich zu treffen. Entsprechend dem subjektiven Sicherheitsgefühl sind Mädchen in jenen Parks mehr anzutreffen, wo auch der Anteil der Erwachsenen höher ist.

Auch konkrete Empfehlungen hat die Sozialraumanalyse parat, wenn es um die Ottakringer Parks geht. Vorgeschlagen wird etwa, den "nicht sehr spieltauglichen Sandboden" im Richard Wagnerplatz durch einen anderen Belag zu ersetzen, den Standort des Fußballkäfigs im Kongresspark zu adaptieren oder im Fall des Musilplatzes eine Generalsanierung in Angriff zu nehmen.

Treffpunkt JugendZone 16

Als wichtiger Treffpunkt für Jugendlichen fungiert auch die JugendZone 16 selbst, die im Vergleichszeitraum Februar-April 2009/2010 den Mädchenanteil und auch die Besucherzahl (von 2884 auf 4153) steigern konnte. Dass der Migrationshintergrund der BesucherInnen recht unterschiedlich ausfällt, stellt laut Holzhacker im Übrigen kein Problem dar: "Je mehr verschiedene Gruppen herkommen, desto leichter vermischen sie sich." (Karl Gedlicka, derStandard.at, 16. Mai 2010)

  • Rau aus dem Park - rein ins Wettcafé?
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Rau aus dem Park - rein ins Wettcafé?

  • Die JugendZone 16 in der Ottakringer Straße fungiert als wichtiger Treffpunkt, wenn es um Spaß geht, hilft aber auch bei der Integration in den Ausbildungs- und Stellenmarkt.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Die JugendZone 16 in der Ottakringer Straße fungiert als wichtiger Treffpunkt, wenn es um Spaß geht, hilft aber auch bei der Integration in den Ausbildungs- und Stellenmarkt.

  • Laut Sozialraumanalyse unangefochten an der Spitze, wenn es um die Lieblingsorte der Kinder und Jugendlichen geht: die Ottakringer Parks.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Laut Sozialraumanalyse unangefochten an der Spitze, wenn es um die Lieblingsorte der Kinder und Jugendlichen geht: die Ottakringer Parks.

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