Weniger Arbeitsunfälle, mehr psychische Probleme

14. Mai 2010, 08:20
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Depressionen, Burn-Out & Co -Studie soll Hintergründe für aktuellen Trend erforschen

Wien - Schon jeder 16. Krankenstandstag ist auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. Das geht aus vorliegenden Zahlen des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger hervor. Demnach waren die österreicherischen Arbeiter und Angestellten im Vorjahr insgesamt 38,7 Millionen Tage lang im Krankenstand, 2,4 Millionen Fehltage wurden durch psychische Probleme wie Depressionen, Alkoholismus oder Burn-Out verursacht. Die Ursachen für den Trend sind vielfältig: Private Faktoren, Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und krisenbedingte Job-Angst.

Während die Zahl der Krankenstandstage im Vorjahr leicht zurückgegangen ist (siehe Tabelle), hat sich die durchschnittliche Fehlzeit pro Arbeitnehmer leicht erhöht. Dies ist allerdings auch auf den krisenbedingten Rückgang der Beschäftigung zurückzuführen, denn im Vorjahr ist die Zahl der Arbeiter und Angestellten in Österreich erstmals seit Jahren gesunken (auf 3,07 Millionen Beschäftigte im Jahresdurchschnitt).

Während die klassischen Arbeitsunfälle seit Jahren zurückgehen, sind psychisch bedingte Krankenstände im Vormarsch: Vor zehn Jahren kamen auf 1.000 Arbeitnehmer noch 62 Arbeitsunfälle, im Vorjahr waren es nur noch 39. Die Zahl der psychischen Erkrankungen je 1.000 Arbeitnehmer ist dagegen von 16,7 auf 21,3 gestiegen. 65.525 Arbeitnehmer ließen sich im Vorjahr wegen Alkoholismus, Depressionen oder Burn-Out krankschreiben, davon 40.856 Frauen. Durchschnittlich fallen diese Arbeitnehmer 37 Tage lang aus - mehr als dreimal so viel, wie bei anderen Krankheiten.

Die Hintergründe sind vielfältig, so Harald Schmadlbauer von der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse. Eine belastende familiäre Situation komme als Hintergrund von Burn-Out-Fällen genauso infrage, wie "unternehmenskulturelle Faktoren": Vergiftetes Betriebsklima, Leistungsdruck, die Vermischung von Privat- und Berufsleben mit ständiger Erreichbarkeit und Rufbereitschaft selbst bei Handelsmitarbeiterinnen. Dazu geselle sich aktuell die krisenbedingte Angst um den Arbeitsplatz.

Außerdem gehen sowohl Schmadlbauer als auch Alice Kundtner von der Wiener Arbeiterkammer von einer hohen Dunkelziffer an psychischen Erkrankungen aus, die in der Statistik nicht aufscheinen. Kundtner verweist darauf, dass bereits ein Drittel der Frühpensionierungen wegen Berufsunfähigkeit bzw. Invalidität aufgrund von psychischen Problemen genehmigt wird. Häufig hätten nämlich auch auf den ersten Blick körperliche Probleme wie Herzrhythmusstörungen oder Bandscheibenvorfall psychische Ursachen. Welchen Einfluss die Arbeitsbedingungen auf psychische Erkrankungen haben, wurde aber bisher nicht erforscht. Hier tappe man selbst noch im Dunkeln, sagt Kundtner. Eine Wifo-Studie soll nun etwas mehr Klarheit bringen.  (APA)

 

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