Wunderkammern für ein Meer von Stimmen

13. Mai 2010, 19:35
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Robert Lepage knüpft aus Sprachen und Stimmen ein gigantisches Familienepos: "Lipsynch" sorgt als großes Drama und zugleich als großer Boulevard schon zum Festwochen-Start für Hochstimmung

Wien - Familien sind komplexe Gebilde, deren Zustandekommen wie Fortbestehen einigermaßen unberechenbar verlaufen. Die banalsten Zufälle können lebensentscheidend sein. Es kann vorkommen, dass man während des Flugs von Frankfurt nach Montreal unerwartet zur Adoptivmutter wird. Oder an einer nicaraguanischen Strandpromenade zur Sexsklavin eines Ehepaares aus Deutschland.

Neun Figuren auf verschiedenen Kontinenten verbindet der frankokanadische Theater-, Film- und Opernregisseur Robert Lepage in seinem Familienepos Lipsynch (dt. lippensynchron): Ada, Thomas, Marie, Jeremy, Sarah, Sebastian, Jackson, Michelle und Lupe. Und in neun, ihnen namentlich gewidmeten Episoden ist der Zuschauer ihrer Zusammengehörigkeit auf der Spur. Auch in Rückblenden, die gegen Ende nach wiederum neun, von allzu vielen Pausen unterbrochenen Bruttostunden noch Rätsel lösen.

Lupe, eine junge Immigrantin, stirbt im Flugzeug nach Montreal neben ihrem quengelnden Baby. Eine besorgte Passagierin, die Opernsängerin Ada, wird dieses Kind (Jeremy) adoptieren und in London erziehen. Die Suche nach seinen leiblichen Eltern führt den Studenten Jeremy zunächst nach Südamerika, später wird er in Kalifornien einen Film über seine Mutter drehen und noch viel später herausfinden, dass diese dazu gezwungen wurde, als Prostituierte in Hamburg zu arbeiten usw. Jede Episode von Lipsynch ist eine technoide Wunderkammer, die auf meist verblüffende Weise sinnliche Räume schafft und mit ihnen unheimliche wie berührende Gefühls- und Gedankenwelten. Robert Lepage knüpft dieses Netz von Menschen vor allem anhand ihrer Sprachen und Stimmen, diese definieren die Begegnungen.

Etwa wenn es zwei Verliebten bestimmt ist, miteinander über Mikrofone in zwei verschiedenen Tonstudios auf verschiedenen Kontinenten zu kommunizieren. Oder - eine der grandiosesten Boulevardszenen des Abends - wenn sich eine international zusammengewürfelte Filmcrew zum Erstkontakt in einem Restaurant in Los Angeles trifft und sich dort bei heftigen, aber erbärmlich bleibenden Fremdsprachen-Versuchen missversteht, bis sich die Situation einfach sprengt.

Dabei gelingt Hans Piesbergen als ignorantem und durch die Air Condition typisch verschnupftem Österreicher ein sehr schöner Part mit ungebremstem Slang: "In de nem of de fada, de son and de holy schpirit". Dieser Film wird eventuell doch kein Erfolg.

In Lipsynch geht es eben auch darum, wie sehr Menschen durch ihr Sprechen stigmatisiert sind (ein Schotte mit Akzent als Provinztrottel in London), welche sozialen Unterschiede sich darin ausdrücken (ein Mann aus den Arbeitervierteln von Manchester macht ein Sprechtraining, um zum BBC-Radiosprecher aufzusteigen), oder welchen identitätsstiftenden Wert die Stimme von einem Familienmitglied hat:

Die Jazzsängerin Marie etwa sucht nach der richtigen Stimme für ihren Vater, mit der sie einen stummen Familienfilm synchronisieren lassen will. Auf der Suche nach seiner Mutter Lupe findet etwa Jeremy eine Audiokassette, auf der diese als Kind ein Erstkommunionslied singt.

Dazwischen wird dieses gigantische Familiensuchbild zur schönsten Komödie, wenn etwa der Toningenieur Sebastian seinen Vater à la Six Feet Under zu Grabe trägt: Dieser war der größte lebende Komiker der Kanarischen Inseln!

Dahinter aber liegt die Tragödie. Lipsynch erzählt im Kern die Geschichte einer Opferung: Lupe, die Prostituierte, die zentrale Frauenfigur, sinkt im Schlussbild als Maria von Guadalupe in die Hände von Ada: eine umgekehrte Pietà, die sämtliche religiöse Motive dieses Bühnenwerks rückblickend einlöst. Ein fabelhafter, philosophischer Abend. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2010)

 

  • U-Bahn, Eurocity oder Airbus: In Robert Lepages Kontinente umspannendem Epos "Lipsynch" wandeln sich die Fortbewegungsmittel flugs.
    foto: érick labbé

    U-Bahn, Eurocity oder Airbus: In Robert Lepages Kontinente umspannendem Epos "Lipsynch" wandeln sich die Fortbewegungsmittel flugs.

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