Ein Gewehr für die Seele

14. Mai 2010, 11:48
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Der US-Sänger litt am Mittwoch in Wiener Flex durch Auszüge seines Solowerks

Die Untermauerung eines Alleinstellungsmerkmals mit einigen Längen.

Wien - Mark Lanegan hat eine jener Stimmen, denen man nachsagt, sie könnten einem aus dem Telefonbuch vorlesen, und man wäre angetan. Will man den US-Sänger einordnen, muss man schon Größen aus dem Soul bemühen, James Carr oder O. V. Wright. Von den gängigen Weißbroten kann ihm niemand das Wasser reichen. Auch nicht Tom Waits, der ob der verwitterten Verwandtschaft seiner Stimme oft herhalten muss. Doch Waits ist im Vergleich zu dem 45-Jährigen bloß ein besserer Nuschler.

Lanegans Auftritt im vollen Wiener Flex am Mittwochabend kam dann einer Telefonbuchlesung mitunter nahe. Denn der aus dem Bundesstaat Washington stammende Sänger mit einer Vergangenheit bei Bands wie den Screaming Trees, Queens Of The Stone Age sowie als immer gefragte Gaststimme - etwa bei den Soulsaves - reist aktuell in sehr kleiner Besetzung, im Duo. Und neben seiner Kunst ist er kein großer Entertainer.

Nach einem Wort von Johnny Cash, der einst meinte, er tänzle nicht blöd herum oder trage zu enge Hosen, dafür kenne er aber an die 1000 Songs, gibt es auch bei Lanegan keine Albernheiten oder launige Zwischenansagen. Es gibt bloß den sich wiederholenden Gang zum Mikrofonständer, den er wie ein Gewehr im Anschlag umfasst, und in den er mit geschlossenen Augen singt.

An der akustischen Gitarre begleitete ihn David Rosser, der auch bei den Twilight Singers oder den Gutter Twins, zwei anderen Lanegan-Verpflichtungen, an Bord ist. Lanegan, mit Tätowierungen an den Händen, die wie Zeugnisse zurückliegender Momente des Kontrollverlusts erscheinen, manövrierte sich durch Auszüge seiner Solokarriere, die 1990 mit The Winding Sheet begonnen hat. Doch gerade seinen frühen Stücken, meist karge Folksongs mit Affinitäten zu Country und Blues, fehlt die Dringlichkeit späterer Arbeiten - was dem Konzert einige Längen bescherte. Das änderte sich bei Liedern wie Shiloh Town, einem Kleinstadtdrama von Tim Hardin, das Lanegans beseelter Vortrag mit Wärme erfüllte.

Ähnlich funktionierten Auszüge aus seinem 2004 erschienenen Album Bubblegum, aus dem er etwa Like Little Willie John gab. Ebenso einnehmend waren Interpretationen von Don't Forget Me, einem bitter-verzweifelten Abgesang auf eine Beziehung, in dem er einer vergangenen Liebe alles Gute mit ihrem Neuen wünscht.

Lanegans "Strange Fruit"

Erstmals richtig aus sich gegangen ist er spät, im Gospel On Jesus' Program - einem sehnsüchtig-vibrierenden Ruf in die Ewigkeit, der im Original von erwähntem O. V. Wright und den Sunset Travelers stammt.

Es folgte ein Zugabenblock, in dem Duke Garwood, der den Abend eröffnet hatte, die zweite Gitarre spielte. Lanegan croonte sich durch die Weltnummer Traveler des besten Screaming-Trees-Albums Dust sowie durch Hanging Tree von Queens Of The Stone Age. Ein Lied, das so etwas wie das Strange Fruit dieses Unvergleichlichen geworden ist. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2010)

 

  • Ephemerer und dauerhafter Kontrollverlust: traurige Tätowierungen und beseeltes Entgleiten. Mark Lanegan, leibhaftig.
    foto: fischer

    Ephemerer und dauerhafter Kontrollverlust: traurige Tätowierungen und beseeltes Entgleiten. Mark Lanegan, leibhaftig.

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