Springender Funken und weit gespannte Bögen

13. Mai 2010, 19:16
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RSO und de Billy mit einer Cerha-Novität

Wien - Kammermusik für Orchester nennt Friedrich Cerha seine großformatige Auftragskomposition, die von der Gesellschaft der Musikfreunde angeregt wurde. Das Festwochen-Konzert am Mittwoch, bei dem sie das ORF Radio-Symphonieorchester Wien uraufführte, hätte im Grunde unter demselben Motto stehen können.

Es ist zwar paradox, aber nur wenn sich ein Orchester die Fähigkeit erhält, ähnlich wie bei Kammermusik aufeinander zu hören und zu reagieren, kann im entscheidenden Moment der Funke überspringen. Passiert das nicht, dann ist klassische Musik so tot wie ihre Schöpfer. Die zu Beginn gegebene 4. Symphonie Beethovens war aber alles andere als das, sondern voll von leichtem Esprit.

Ein Orchester von Format

Allein dieses Stück hätte für eine Bilanz von Bertrand de Billys Zeit als Chefdirigent einstehen können, die mit dieser Saison zu Ende geht: Klangliche Homogenität, Transparenz und Volumen, Artikulationsfähigkeit und flexible Phrasierung kamen mit der beschwingten Lesart des Dirigenten zusammen und zeigten einmal mehr, welches beachtliche Format das RSO heute aufweist.

Von diesen Qualitäten profitierte Cerhas Kammermusik mit ihren weit gespannten, expressiven Bögen, ihren heiklen, sich ineinander verzahnenden Linien von Mandoline, Harfe, Tasteninstrumeten und Schlagzeug, aber vor allem dem Gesang einer solistischen Oboe und Oboe d'amore (Thomas Höniger) fast noch mehr.

Denn hier brachten sich die Musiker in einem Maße gestaltend ein, das ihren selbstverständlichen Zugang zu zeitgenössischer Tonsprache ebenso zeigte wie Cerhas Anknüpfen an hochexpressive Gesten aus der nachromantischen Tradition.

Das Publikum nahm dies dankbar zur Kenntnis und feierte den 84-Jährigen entsprechend stürmisch. Nach den zwei Schwergewichten Beethoven und Cerha konnten die fünf Satze von Ravels Ma mère l'oye dann freilich kaum noch mehr sein als charmante Aperçus. (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2010)

 

Ö1-Übertragung: 21. 5., 19.30. Am Freitag, spielt das RSO Wien mit dem neuen Chefdirigenten Cornelius Meister bei der offiziellen Eröffnung der Wiener Festwochen am Rathausplatz (21.20). ORF 2 und 3sat übertragen live.

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