Obama: "Es wird noch schwere Kämpfe geben"

13. Mai 2010, 18:47
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Beide Seiten gaben sich Mühe, ihre Differenzen herunterzuspielen - Kongress und US-Öffentlichkeit sollten vom Sinn des Afghanistan-Krieges überzeugt werden

Kabul/Washington - Nato-Truppen und afghanische Soldaten haben in der Nacht zum Donnerstag mehr als 40 Aufständische getötet. In der nordafghanischen Provinz Kunduz erschossen die Einheiten nach einem Angriff von Extremisten auf eine Bürgerwehr 31 Aufständische. Bei Kämpfen in der südöstlichen Provinz Ghazni starben 14 Extremisten. Beobachter deuten die zunehmenden Gefechte als Vorgeplänkel für eine kommende große Offensive der Nato-Einheiten in der Krisenprovinz Kandahar, mit der die westlichen Truppen die islamistischen Taliban zurückdrängen wollen. Schon seit Wochen bereitet der amerikanische Nato-Oberkommandierende Stanley McChrystal auf schwere Kämpfe und Verluste vor.

"Schwung umkehren"

Vor diesem Hintergrund trafen US-Präsident Barack Obama und sein afghanischer Amtskollege Hamid Karsai in Washington aufeinander. Die Amerikaner bereiteten Karsai einen warmen Empfang und versuchten die Spannungen der vergangenen Monate herunterzuspielen. Obama erklärte, entsprechende Berichte darüber seien "überschätzt" . Auf dem Feld in Afghanistan hätten die US-geführten Truppen die Wende im Kampf gegen die Taliban erreicht. "Wir haben damit begonnen, den Schwung des Aufstandes umzukehren" , sagte Obama am Mittwoch. Er sei nach wie vor zuversichtlich, dass der Abzug der amerikanischen Soldaten im Juli 2011 beginnen könne. "Es wird noch schwere Kämpfe geben" , warnte aber auch der US-Präsident.

Karsai hielt sich zu einem viertägigen Staatsbesuch in den USA auf. Die amerikanische Regierung war bemüht, die Bevölkerung und den Kongress davon zu überzeugen, dass der Krieg in Afghanistan die Opfer und Kosten wert ist. In den vergangenen Monaten hatte Obama seinen afghanischen Kollegen öffentlich scharf kritisiert. Inzwischen hat die US-Regierung ihre Strategie geändert und bemüht sich, Meinungsverschiedenheiten außerhalb der Öffentlichkeit zu klären.

Karsai erklärte indes, der Kampf gegen die in Afghanistan grassierende Korruption werde noch Jahre dauern. Die Bekämpfung von Bestechung und Käuflichkeit sei "etwas, das wir jeden Tag tun, aber man sieht die Ergebnisse hier in Amerika oder im Rest der Welt nicht jeden Tag" , sagte der afghanische Präsident. "In einigen Jahren" werde "vielleicht" ersichtlich sein, dass sich Afghanistan weiterentwickelt habe. Er versprach Obama jedenfalls einen besseren Umgang mit US-Hilfsgeldern für sein Land.

Am Donnerstag führte Karsai Gespräche mit US-Senatoren und Abgeordneten, unter anderem mit dem demokratischen Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, und dem republikanischen Minderheitsführer Mitch McConnel.

Die New York Times berichtete, dass die gesamte amerikanische Strategie in Afghanistan gefährdet sei, weil Lokal- und Provinzpolitiker der Zentralregierung in Kabul nicht trauten. Das sei eine der Lehren aus der Offensive von Marjah in der Provinz Helmand, die amerikanische und britische Truppen vor einigen Wochen starteten. In 120 vom Pentagon als ausschlaggebend für die Stabilität Afghanistans ausgemachten Bezirken traut nur ein Viertel der Bevölkerung der Regierung in Kabul. Und nur über 60 dieser 120 Bezirke habe Karsai die Kontrolle. (red, DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2010)

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    Barack Obama und Hamid Karsai stellen in Washington demonstrativ gutes Einvernehmen zur Schau. Für den US-Präsidenten steht der Erfolg seiner Afghanistan-Strategie auf dem Spiel.

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