Kultfabrik mit blondem Vampir

13. Mai 2010, 18:44
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Die am Freitag am Wiener Rathausplatz offiziell beginnenden Wiener Festwochen legen ihren diesjährigen Schwerpunkt auf Theatermarathons

Den Raum der berühmten "Factory" in der New Yorker 47. Straße hat Superstar Andy Warhol (Piotr Skiba) in Silberlackfarbe getaucht. Die Paradiesvögel, die er in seiner Künstlerwerkstatt abfilmen möchte, kommen vor glänzendem Hintergrund einfach besser zur Geltung.

Warhol, der Maler der berühmten Campbell-Suppendosen, ist der merkwürdig stille, fast gehemmt wirkende Held des grandiosen Theatermarathons Factory 2: ein Voyeur auf dünnen Beinen, der die empfindlichen Augen hinter Sonnengläsern versteckt hält und die flehentlichen Bitten seiner "Stars" um Zuwendung geflissentlich ignoriert.

Die rund achtstündige Performance, die seit 2007 immer wieder im Krakauer Stary-Theater zu bewundern ist, gastiert ab 28. Mai bei den Wiener Festwochen (Museumsquartier, Halle G, jeweils ab 15.30 Uhr). Regisseur Krystian Lupa ist C.-G.-Jung-Schüler und ein ausgewiesener Spezialist für österreichische Schriftkultur (legendär seine Auseinandersetzungen mit Romanen von Thomas Bernhard oder Hermann Broch). Er hat im Verein mit zwanzig famosen Schauspielern nicht etwa ein Stück erarbeitet: Factory 2 könnte man eher als "Reenactment" bezeichnen, als ebenso künstliche wie nah am Leben gebaute Nachempfindung des "Prinzips Andy Warhol".

Warhols Heldinnen und Helden waren Außenseiter: Exzentriker verschiedenen, auch selbstgewählten Geschlechts, die Candy Darling, Ultra Violet oder International Velvet hießen und nichts als ihr Außenseitertum vor dem Kameraauge zu Markte trugen. Warhol, der schüchterne Mann mit der strohblonden Perücke, hatte beschlossen, das Leben seiner Geschöpfe abzubilden: Sie sollten sich nicht verstellen, sondern niemand anderer sein als schamlos sie selbst. Nichts aber ist bodenloser als die Erfahrung, auf sich selbst angewiesen zu sein. "Tu nichts!", wispert der Schamane mit dem Fotoapparat, wenn ihn einer seiner schutzbefohlenen "Künstler" wieder einmal Hilfe heischend anblickt.

Hölle der Celebrity-Kultur

Lupas Factory könnte man als eine Art Hölle der Celebrity-Kultur betrachten: Ihre Bewohner sind die Abziehbilder des Starkults, dem Warhol bereits mit seinen berühmten Marilyn-Monroe-Siebdrucken ausgiebig gehuldigt hatte. Diese Starlets verfügen über keine besonderen Fertigkeiten. Sie werden von alltäglichen Problemchen geplagt und finden sich in erotische Nahkämpfe verstrickt, die bei einigen von ihnen prompt Depressionen und Drogenmissbrauch auslösen.

Über allem aber steht Warhol: das Über-Ich, der asexuelle Gott, der Guru, der sich am liebsten beim Telefonieren Konfitüre auf den Toast streicht - der leicht befremdet und versonnen torkelnd, aber immer freundlich auf das Treibhausklima in seiner Talente-WG blickt. Ein Perverser, der sich am Genuss anderer weidet und die Verkrampfungen und Verspannungen seiner Mitmenschen als Eigenkreationen signiert. Lupa gelingt, mit Warhols Avantgarde-Schuppen als Metapher, die Auflösung eines großen Theaterrätsels: Regie-Führen bedeutet auch immer, das Innerste der Schauspieler nach außen zu kehren und sie zu größtmöglicher "Natürlichkeit" anzuhalten. Was aber darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden, wenn das Kameraauge niemals verlöscht?

Er habe Warhols berühmte "Screen-Tests" von seiner Truppe nachspielen lassen, erzählt der Krakauer Regisseur (siehe Interview unten). Während eines geschlagenen Jahres habe er seine Mimen immer wieder die Identität wechseln lassen und sie aufeinander losgehetzt. Übrig geblieben sind acht Stunden existenziellen Kampfes. (Ronald Pohl aus Krakau / DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2010)

 

"Dankbarer Beobachter der Banalität"
Der Krakauer Theaterregisseur Krystian Lupa im Gespräch mit Ronald Pohl über das Künstlergenie Andy Warhol, dessen Erweiterung des Kunstbegriffs auf die Produktion "Factory 2" abgefärbt hat.

Standard: Der New Yorker Starkünstler Andy Warhol ist das Zentrum Ihrer "Factory 2"-Produktion: ein anwesender "Gott", der sich in Passivität hüllt. Eine Metapher für das Regie-Führen schlechthin?

Lupa: Warhol hat mich seit langem fasziniert; als Teamleader, der eine Gruppe um sich versammelt. Diese Gruppe ist von der Idee angetan, anders zu leben: stärker, blühender, merkwürdiger. Man weiß, dass Warhols bestes Werk er selbst war. Die Gruppe ist daher ein permanent entstehendes, soziales Kunstwerk. Und irgendwann waren sie in der Factory alle vom Film fasziniert. Sie haben viele Filme gedreht, und dabei eine neue Gattung erschaffen.

Standard: Wie könnte man diese damals, in den 1960ern, "neue" Kunstform beschreiben?

Lupa: Warhols Filme erzählten keine Fabel. Man kann vielleicht von der Erschaffung einer hybriden Wirklichkeit sprechen. Warhol interessieren nicht Geschichten, sondern die Persönlichkeiten, die er abfilmt. Er will deren Poesie ans Licht heben. Er stellt Menschen nicht einfach dar, sondern er vergrößert, multipliziert sie.

Standard: War Warhol nicht auch ein Vampir?

Lupa: Seine Passivität ist von großer Bedeutung: Er war wie ein Gefäß. Er interessierte sich für das Banale, Unscheinbare - und konnte andere dafür begeistern. Seine Art, Filme zu drehen, war zutiefst kindlich. Bei jedem anderen wäre dabei infantiler Mist herausgekommen. Erwachsene können mit der Banalität des Lebens nicht umgehen. Er selbst war ein dankbarer Beobachter der Banalität.

 

  • Ein sicherer Höhepunkt der Wiener Festwochen: Krystian Lupas achtstündiger Blick auf die Menschenversuchsanstalt "Factory 2".
    foto: stary theater

    Ein sicherer Höhepunkt der Wiener Festwochen: Krystian Lupas achtstündiger Blick auf die Menschenversuchsanstalt "Factory 2".

  • Starregisseur Krystian Lupa (66) inszeniert zumeist am Krakauer Stary-Theater.
    foto: stary theater

    Starregisseur Krystian Lupa (66) inszeniert zumeist am Krakauer Stary-Theater.

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    foto: stary theater
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