Testament des Wahnsinns

13. Mai 2010, 18:45
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John Cales legendärer Rockpalastauftritt im deutschen Essen aus dem Jahr 1984 wurde nun erstmals veröffentlicht

"I never wrote a song called Cocaine, I never wrote a Song called After Midnight."

Allzu großes Vertrauen in seine Bekanntheit vor deutschem Publikum dürfte John Cale 1984 nicht besessen haben. Anders lässt sich nicht erklären, warum der große Waliser mit einer Vergangenheit bei The Velvet Underground seinen Rockpalast-Auftritt in der Essener Grugahalle mit einem Song begann, der Autobiography benannt wurde. Damit startet der Live-Mitschnitt von John Cale & Band Live, der nun erstmals veröffentlicht wurde. Autobiography sollte klarstellen, das hier und jetzt, um drei Uhr Morgen, nicht der zurückgelehnte US-Songwriter und Gitarrist J. J. Cale auf der Bühne steht, sondern dessen ungleich gefährlicherer Namensvetter.

Die frühen 1980er-Jahre gelten in der Cale'schen Biografie als schwierig. Höflich formuliert. Kolportierte Drogenabhängigkeiten sowie ein stilistisch sprunghafter dabei genialischer Output prägten diese Jahre. 1982 veröffentlichte er das spartanisch-depressive Music For A New Society, 1984 das Live-Dokument Comes Alive samt der albernen Single Oh La La, im Jahr darauf das bis heute zu Unrecht wenig beachtete Carribean Sunset mit der auf jedes LCD-Soundsystem-Album passenden Weltnummer Villa Albani. Das Album Artificial Intelligence (1985) beendet diese Ära des klassisch ausgebildeten Multitalents.

1983 regierte jedenfalls der Wahnsinn. New Wave und Postpunk trieben die wunderbarsten Blüten, mitten drinnen torkelte und taumelte ein aufgedunsener Cale über die Bühnen und zerlegte allabendlich seine Songs. Cale, damals schon über 40, hatte bereits in den 1970ern Werke veröffentlicht, die später als Proto-Punk galten. Roh aus der Gitarre gerissene Stücke wie Mercenaries (Ready For War), aber auch ältere Songs wie Fear Is A Man's Best Friend wurden mit neuer Gewaltbereitschaft aufgeführt.

Beides ist auf der Rockpalast-CD nachzuhören. Dazu gab Cale damals selten bis nie wieder gespielte Songs wie Magazines oder Hotel Beirut Recital, beide von erwähntem Carribean-Sunset-Album, von dem auch das getriebene The Hunt sowie das Titelstück kommt. So beschädigt und neben den Schuhen stehend Cale damals auch gewesen sein mag, seine Zerrissenheit zeitigte fanatische und fantastische Ergebnisse am Rande des Kollaps. Dort, wo es Cale die Stimme überschlug, seine grindigen Gitarrenriffs mit den Bassriffs verschmolzen und der Schlagzeuger einen ungesund dicken Hals bekam.

Zerstörung und Schönheit

Als Ausgleich zur heftigen Band-Performance, die mit einem Medley aus Jonathan Richmans Pablo Picasso und Love Me Two Times (The Doors) endet, präsentiert die zweite CD Cale bei einem Konzert 1983 in Bochum - solo an der Gitarre und am Klavier. Auch das ein Testament des Wahnsinns zwischen Zerstörung und Schönheit, zwischen Ship Of Fools und der Endstation Heartbreak Hotel. Und für gepflegte Voyeure gibt es all das auch auf Doppel-DVD. (Karl Fluch / Der Standard, Printausgabe, 14.5.2010)

 

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