Der eine, letzte Antritt

13. Mai 2010, 00:53
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Diego Forlan sichert mit Doppel­pack Atletico Madrid den kleineren der beiden Europapokale in einem 120-minütigem Kampf mit Überraschungsteam Fulham

Hamburg - Es war kalt an diesem Mai-Tag und -Abend in Hamburg. 8°C zeigte das Thermometer an. 49.000 Fans wärmten sich in der damit nicht ganz ausverkauften HSH Nordbank Arena über die gesamte Spieldauer an ihren Sprechchören und Gesängen, nachdem sie tagsüber in der Stadt verkrochen in den Lokalen schwer zu finden waren. Die Gänsehautatmosphäre war einem allerersten Europa League-Endspiel jedenfalls würdig.

Und so trieben die Zuseher ihren Mannschaften die zaghaften ersten Minuten erfolgreich aus. Vor allem die "Rojiblancos" fanden nach der Abtastphase gut ins Spiel. Der Start lässt sich in der 11. Minute finden, als Diego Forlan durchbrach und sein Schuss an die Außenstange ging.

Gut eingestellte Madrilenen

Die Madrilenen gingen im Mittelfeld stets in Überzahl in die Zweikämpfe, kauften Fulham damit die Schneid ab. Roy Hodgsons Team ("Wir begannen nervös, was nicht so überraschend ist") kam vorerst nur über Weitschüsse zu Möglichkeiten. Gefährlicher die Spanier: In der 28. Minute blieb Schwarzer bei einem Alvaro Dominguez-Kopfball noch unbeeindruckt, nur vier Minuten später machte Diego Forlan aber seine Ankündigung vom Vortag wahr und erzielte den Führungstreffer.

Der hätte freilich für Fulham nicht ungünstiger entstehen können. Der Ball kam im Strafraum zu Sergio Agüero, dem Stürmer reißt der Schuss komplett ab, doch das Rund kommt zum in knapper Abseitsposition stehenden Forlan. Der stellte mit einem Abdrücker aus leichter Drehung auf 1:0. Agüero hätte eine Minute später beinahe erhöht, aber sein Schuss fiel nicht stark genug aus.

Schneller Wandel

Fulham reagierte sofort, stellte die Strategie um und zeigte, dass die passive erste halbe Stunde kein Muss-Zustand war. Nur kurz darauf, in der 35. Minute, schien einer der ersten Angriffe vom rechtzeitig genesenen Bobby Zamora schon verstolpert, da kommt der Ball am Fünfer noch einmal zu Simon Davies. Der Flügelspieler zog mit dem Vollspann ab. 1:1, das Spiel begann quasi neu.

Damit war auch Atletico wieder die aktivere Mannschaft, erspielte bis zur Pause noch einige kleinere Möglichkeiten. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das allerdings dramatisch. Fulham nahm das Zepter in die Hand. "Ich musste nichts sagen.", behauptete Roy Hodgson über seine Pausenansprache, "Wir haben unsere Offensivmuster, dort mussten wir die Spieler wieder hineinbringen, aber in einem Team wie dem unseren, können die das auch sehr gut selbst."

Die Mannschaft attackierte jedenfalls auffallend früher und störte damit Atleticos Spielaufbau. In der 51. Minute kam Zoltan Gera gegen Atletico-Keeper David de Gea nur knapp zu kurz. Beim Zusammenprall blieb der Torhüter erst liegen, sprang dann aber plötzlich wieder auf um sich zu beschweren. Der gute italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli hatte aber auch diese Situation im Griff. Wirklich verletzt musste kurz darauf Bobby Zamora dann doch vorzeitig vom Platz. Fulham drückte weiter, in der 60. rettete de Gea in höchster Not bei einem Schuss des Torschützen Davies.

Ausgeglichen

Atletico erfing sich in der Mitte der Halbzeit, lagerte das Spiel mehr auf die Flügel aus und erarbeitete sich ab der 70. Minute eine Eckballserie. Die Rojiblancos fanden bis zum Ende der regulären Spielzeit noch die ein oder andere Chance vor. Besonders Tomas Ujfalusis Schuss in der 80. Minute wäre ein Torkandidat gewesen, doch er verfehlte jenes deutlich. Und da auch Zamora-Ersatz Clint Dempsey bei einer Duff-Flanke knapp zu spät kam, wurden den Zusehern weitere 30 Minuten geschenkt.

In die Nachspielzeit startete wieder Fulham mit etwas mehr Druck, doch Davies Schuss (91.) und Erik Nevlands Versuch aus spitzen Winkel konnten nicht verwandelt werden. Kurz vor dem letzten Seitenwechsel glitt Atleticos Fans schon der Torschrei aus dem Halse, doch der Ball zappelte nur im Außennetz. Klar besser war über die gesamte Nachspielzeit gesehen kein Team. Die Fehlerquote nahm naturgemäß minütlich bei allen zu, beide kamen zu Chancen.

Verdienter Zufall

"We shall not be moved", sangen die englischen Fans gegen die nicht minder lauten Madrilenen an. "Es lief auf ein Elfmeterschießen hinaus", meinte Hodgson hinterher zu dieser Phase. Doch der Engländer-Schreck Forlan hatte sein letztes Stück noch nicht aufgeführt. In der 116. Minute kommt der Ball von der linken Flanke zur Mitte, Brede Hageland kam den Schritt zu kurz und der Stürmer aus Uruguay fälschte mit dem letzten großen Antritt den Ball unhaltbar ins lange Netz ab, ehe er in einer großen rot-weißen Jubeltraube verschwand.

"Ich glaube das Tor war eher Zufall", gestand der zufriedene Madrid-Trainer Quique Flores im Anschluss, sah aber trotzdem einen "verdienten Sieg in einem schwierigen Spiel". Sein Gegenüber sah letzteres etwas anders: "Wir waren gut organisiert. Wir hätten uns ein Elferschießen verdient".

Ob Zufall oder verdient (oder auch nicht) - der Treffer bedeutete das entscheidende 2:1 für Atletico Madrid. Fulham warf zwar alles nach vorne, bewirkte aber nichts mehr. Und so stemmte mit Antonio Lopez an diesem Abend in Hamburg erstmals nach 48 Jahren wieder ein Atletico-Kapitän einen europäischen Pokal in den bewölkten Nachthimmel. (Tom Schaffer aus Hamburg, derStandard.at, 13.5.2010)

Atletico Madrid - Fulham 2:1 (1:1,1:1) nach Verlängerung. Hamburg-Arena, 49.000, SR Nicola Rizzoli (ITA).

Torfolge: 1:0 ( 32.) Forlan

1:1 ( 35.) Davies

2:1 (116.) Forlan

Atletico Madrid: De Gea - Ujfalusi, Perea, Dominguez, Lopez - Reyes (78. Salvio), Assuncao, Garcia, Simao (68. Jurado) - Agüero (119. Valero), Forlan

Fulham: Schwarzer - Baird, Hughes, Hangeland, Konchensky - Duff (84. Nevland), Murphy (118. Greening), Etuhu, Davies - Gera - Zamora (55. Dempsey)

Gelbe Karten: Perea, Forlan, Salvio bzw. Hangeland

  • Diego Forlan kickt Atletico Madrid per Doppelpack zum EL-Sieg.
    foto: epa

    Diego Forlan kickt Atletico Madrid per Doppelpack zum EL-Sieg.

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    und Trainer zählt zu den gängigen Bräuchen im Europcup.

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