Österreichs unkontrollierte Überwachungsflut

Irene Brickner, 16. Mai 2010 10:09

Sicherheitsgefühl statt Sicherheit, Wegschauen statt Grundrechtsbewusstsein

 Was den Securityboom und den Heeresassistenzeinsatz im Burgenland verbindet.

***

Kritische Stimmen „aus Europa" werden in Österreich nicht gern wahrgenommen - ganz so, als ob dieses Land nicht „mit zum Klub" gehörte. So zum Beispiel die Stimme der EU-Grundrechtsagentur (FRA ) (www.fra.europa.eu) , die unlängst die Unsitte ansprach, dass in Österreich ein Wildwuchs an Videoüberwachung existiert - wildgewachsener als in den meisten anderen EU-Mitgliedsstaaten.

Tatsächlich wird man hierzulande, ob man nun durch die Stadt schlendert, einkauft oder (besorgte) Mitbürger besucht, von einem Überwachungskameraauge nach dem anderen angeglotzt. 95 Prozent davon sind laut dem Obmann der Datenschutz-NGO „ARGE Daten", Hans Zeger, nicht registriert. Das bedeutet, dass keiner gesetzlichen Kontrolle unterliegt, was mit den Aufnahmen der vielen unbescholtenen Mitbürger geschieht, die zum Zweck der Räuber- und Diebesabwehr gefilmt wurden. Eine Frage, die nicht so einfach abzutun ist: Den „ARGE Daten"-Mitarbeitern sind Fälle bekannt, wo Eltern von Nachbarn Überwachungsaufnahmen ihrer Kinder beim Spielen an (für die Nachbarn) nicht genehmem Orten unter die Nase gerieben bekamen.

Leider wird Derartiges in Österreich vielfach nicht als Datenschutz- und damit Grundrechtsproblem betrachtet, sondern als kleine, in Kauf zu nehmende Panne im Kampf gegen das Verbrechen. Wer sich trotzdem beschwert, wird der Blauäugigkeit oder gar der Duldung strafwürdiger Umtriebe verdächtigt. Dass das nicht stimmt, zeigen die Ausführungen Mike Nevilles, zuständig für Fragen der Videoüberwachung bei Scotland Yard. 2008 sorgte er mit der Aussage für Aufsehen, die rund 4,5 Millionen Kameras, die in England steuergeldfinanziert in Straßen, Bahnhöfen und Einkaufzentren hängen, hätten nur wenig Verbesserung gebracht. In London etwa seien nur drei Prozent aller Ermittlungserfolge auf Videoaufzeichnungen zurückzuführen, weil es zu wenig Polizisten gebe, um die stundenlangen Filme zu durchforsten. Auch die Häufigkeit von Überfällen und Raub habe nicht abgenommen, da viele Täter wüssten, dass die Kameras nur sehr schlechte Aufnahmen lieferten. Dass es Neville unter anderem um mehr Polizeikompetenzen bei der Videoüberwachung ging, sei hier der Fairness halber miterwähnt.

In Österreich sind es weniger Behörden als Private - vom Taxifahrer über den Trafikanten zum Villenbesitzer - die durch Videoüberwachung ihr Bedrohungsgefühl verringern wollen. Sie tun das praktisch unkontrolliert, unter anderem weil bei der Datenschutzkommission nur ein einziger Mitarbeiter für die Überwachungskamerakontrolle zuständig ist. Und sie sitzen dabei einer Sicherheitsillusion auf, die an den offenbar unhinterfragbaren Bundesheerassistenzeinsatz im Burgenland erinnert: viel Aufwand, wenig Wirkung, aber das Sicherheitsgefühl stimmt. Und über das schiefe Grundrechtsverständnis schaut man hinweg.

Zur Problematik der Videoüberwachung in Österreich organisiert die „ARGE Daten“ am 1. Juni 2010 in Wien einen Video-Day. Anwesend wird unter anderem Gregor König sein, der in der Datenschutzkommission  für die Überwachungskameraregistrierung alleinzuständig ist. Infos unter: http://www.argedaten.at/video-day.html

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 88
1 2 3
Mirstetta Toni
17.05.2010 15:20

tut mir leid, aber ich fühle mich weder überwacht noch dauernd von kameras angeglotzt.

mehr stört mich, dass mir am merkurparkplatz ein hinkebeinbettler bis zum meinem auto nachläuft und dass, obwohl ich ihm mehrmals bat mein kind und mich in ruhe zu lassen.

Karl Buschina
17.05.2010 12:04
Keine Sicherheitsillusion sondern effektive Abschreckung.,.

Unsere kaum einsehbare Sackgasse war ein Eldorado für Autodiebe/-einbrecher. Jede Woche wurden Seitenscheiben eingeschlagen und Autos gestohlen. Beim Auto meiner Frau wurde die Lenksäule abgerissen, bei einem anderen detto und drei weitere verschwanden - alles in einer Nacht. Unser Nachfolgerauto wurde gestohlen. Jeder in unserer kleinen Siedlung wurde 2-3 mal geschädigt. Nach Einbau einer Überwachungskamera waren nach 4 Wochen 3 verschiedene Einbrecherteams aufgezeichnet - ohne Abschreckungswirkung. Aber nach Einbau eines Scheinwerfers (Bewegungserkennung) sehe ich nur mehr flüchtende Kriminelle auf den Aufzeichnungen und es ist seitdem überhaupt nichts mehr passiert. Die Kriminalpolizei freut sich über die "illegalen" Bilder.

meinrad
17.05.2010 18:33

du schreibst es ja sogar selber: die kamera selber war nutzlos, erst der scheinwerfer hat geholfen.

rollie63
17.05.2010 13:52

falls ich mein geld unbeaufsichtigt auf eine parkbank lege, dann muss ich rechnen, dass es nach ein paar minuten meiner abwesenheit verschwunden ist.
wer eigentum hat sollte es selbst beschützen/bewachen. wenn die überwacheung von leuten erfolgt, denen ich nicht vertraue und die im zuge ihrer überwachung auch mich überwachen, dann ist das alles sinnlos und trägt nicht zu meiner sicherheit bei.

Harry Y.
 
17.05.2010 13:00
Daher sollen sie nun überall sein??

parapente
17.05.2010 10:58
Ist aber doch nicht schlecht,


wenn man ein paar U-Bahn-Totschläger auf Band hat!

Mr_Size
 
17.05.2010 13:39
DAS BRINGT JA NIX WENN SICHS KEINER ANSCHAUT!!

parapente
18.05.2010 11:24
Ah!

Die deutschen Totschläger sind nicht aufgrund eines Videobandes verhaftet worden?

parapente
17.05.2010 10:53
Die "Kritische Stimme Europas"


kennt England nicht!
Schade.

Räuber Hotzenplotz wäre heute Bankster
17.05.2010 09:27
Dei nixnutze Bürgerüberwachung wird uns genauso zum Verhängnis werden wie den seinerzeitigen Ostbolckstaaten das Wettrüsten.


Es wurde soviel Geld in etwas für Menschen und Staat vollkommen Unproduktives gepumpt, dass alle anderen vitalen Bereiche des Gemeinwesens kollabiert sind.

Wir sind am gleichen Weg. Derzeit wird für das europaweite Bürgerüberwachungsnetzwerk mehr Geld ausgegeben als für Gesundheit, Bildung und Soziales.

Der Ätzer
17.05.2010 07:10
Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, Cams sind nützlich nur der Mißbrauch nicht, wird der Mißbrauch bestraft!

Derzeit dienen diese Gesetze nur dem verbergen von Vergehen in Ämtern. Wie das Amtsgeheimnis.

Wäre der Mißbrauch ordentlich sanktioniert, könnte jeder sein Eigentum überwachen.

nix fir unguad
17.05.2010 00:27
Bei uns im Ort wurde vor ein paar Monaten...

...in einer Nacht in 5 Geschäfte eingebrochen. Das waren Geschäfte die nicht von den Kameras erfasst wurden.
Kürzlich hatten wir einen Bankraub. Der Bankräuber wurde Dank der Überwachungskameras identifiziert und später festgenommen.
Die Kameras funktionieren sowohl als Abschreckung als auch in der Klärung von Verbrechen.
Man kann nicht genug davon haben.

Peter W1
 
17.05.2010 06:42

Banken verwenden oft HiRes-Kameras. Mit herkömmlichen erkennst du nichtmal ob sich da wer am Bild befindet oder nicht.

Der Rest ist dermassen billige und peinliche Werbung für Kameras das es peinlich wäre näher darauf einzugehen. Du hast gelesen wie sich das in der Realität abspielt also was willst du uns da noch zulügen?

Duck of Death
16.05.2010 22:31

Seit es die vielen Kameras gibt, hab ich keinen einzigen Tiger mehr gesehen. Darüber bin ich echt froh!

meinrad
17.05.2010 18:36

tiger patrol ftw!

Fred der Prophet
16.05.2010 20:58

das weltfremde geschreibsel von frau brickner bringt mich woche für woche zum schmunzeln.

artdeco2
16.05.2010 21:51
was bitte ist an dem Artikel weltfremd ???

Also wenn es schon ein Datenschutzgesetz gibt, dann soll es auch eingehalten werden.

Ohne Datenschutz lebt sich's auch gut, in Nordkorea zum Beispiel; empfehle Ihnen den Umzug dorthin. Die Welt in Nordkorea entspricht eventuell besser Ihren Ansprüchen.

hlg
16.05.2010 19:29
immer wieder interessant anzusehen:

http://www.youtube.com/watch?v=ys55lILXL_E

denn du bist terrorist...

stefan81
16.05.2010 19:10

auf der einen seite will fr brickner alles ins land lassen was es auch nur irgendwie bis an die grenze schafft und auf der anderen seite will sie privaten hausbesitzern die überwachung ihres eigentums verbieten.

seltsame auffassung. wo kommen wir denn da hin wenn man evtl. einen einbrecher filmt...

der paulek
 
17.05.2010 11:56
immer wieder cool

menschen, die aufgrund er unsinnigkeiten von angst- und hetzmedien/-politikerInnen angst vor straftaten haben, sehen sich berechtigt, sich selbst nicht an gesetze halten zu müssen - verwirrend, oder?

stefan81
18.05.2010 11:49

wenn ich an MEIN Eigentum eine Überwachungskamera montiere sehe ich das nicht als "Verbrechen".

der paulek
 
19.05.2010 20:35
was sie oder ich als "verbrechen" sehen ...

... ist vollkommen irrelevant. wo bleibt da eigentlich die gesetzestreue??

Peter W1
 
17.05.2010 06:43

Wenns nicht genehmigt ist, bist du der Verbrecher!

JetztOderNIe
16.05.2010 18:59
Sinn machen...

... Kameras nur dann, wenn ständig wer in den Monitor schaut. Der fehlt dann aber auf der Straße.

Also wäre es klüger der Beamte stellt sich an den Ort der überwacht werden soll und verhindert schon alleine durch seine sichtbare Präsenz allfällige Straftaten und erhöht damit auch das Sicherheitsgefühl.

Aber unsere Polizisten kennen nur das Wachzimmer oder den Funkwagen. Die sich auf die Straße trauen, tun das nur in Plastikrüstung, Schutzschild und Helm um friedliche Demonstranten einzuschüchtern.

Ja Polemik, aber wann haben sie zuletzt einen Polizisten auf der Straße patrouillieren gesehen?

meinrad
17.05.2010 18:38
hört hört!

genau so ist es

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 88
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.