Rauhe Soundoberflächen in flüssigem Pop

12. Mai 2010, 19:07
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Das lang erwartete Album "Trespassers" erschien im Februar: An Christi Himmelfahrt spielt die dänische Band Kashmir endlich wieder in Wien

Fünf Jahre. Eine Zeitspanne in der manche Bands Sternschnuppenkarrieren hinlegten; am Firmament auftauchten und wieder verloschen. Fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeit - insbesondere wenn sie zwischen zwei Alben liegen. Trotzdem haben die dänischen Kashmir ihre Fans nach "No Balance Palace" (2005) lange zappeln lassen, sich verschiedensten anderen Projekten gewidmet. Um endlich - im Februar diesen Jahres - mit "Trespassers", was so viel heißt wie "Übertretende", ihr sechstes langes Studiowerk vorzulegen. Auch diesmal bettet Songwriter Kaspar Eistrup, dessen hohe, oft reizvoll brechende Stimme die Kopenhagener bisher stets in die Nähe zu Radiohead gerückt hatte, seine lyrischen Texte auf musikalische Landschaften.

"Wir dehnen unsere Grenzen aus und versuchen uns für jedes Album weiterzuentwickeln und zu musikalischen Orten zu gelangen, wo wir nie zuvor waren", erklärte Eistrup, der die Songs als Reisender zwischen Spanien, Schweden und den USA schrieb und so auch zum Albumtitel fand, in einem Interview 2006. Dieser neue musikalische Ort wurde für "Trespassers" in New York gefunden. Denn gemischt und produziert wurde das Album von niemand anderem als Andy Wallace, der bereits mit Nirvana, Run DMC, Faith No More, Jeff Buckley oder den Kaiser Chiefs gearbeitet hat.

Kashmirs Anspruch der Grenzerweiterung, ihr teils collagenhaftes Verweben von synthetischen Soundoberflächen und flüssigen Popmelodien, die sie in klassischer Rockinstrumentierung vortragen, scheint auch in ihren künstlerischen Anfängen zu wurzeln: Bevor sie sich 1991 als "Nirvana" zusammenfanden (ein Name, den sie nach dem internationalen Erfolg Kurt Cobains einstampften) tobten sie sich in der Kopenhagener Kunstszene aus. Das erst 1999 mit Keyboarder Henrik Lindstrand vom Trio zum Quartett komplettierte Kollektiv arbeitete interdisziplinär: Sie experimentierten mit Malerei, Grafik, Aktionen im öffentlichen Raum, Poesie und freilich auch mit Musik. Die gewünschte Intensität und Aufmerksamkeit der Zuhörer war aber nur als Band zu erreichen.

Ihre Nähe zur Kunst kommt jedoch immer wieder zum Vorschein. Etwa in ihren grafisch anspruchsvollen Albumcovern: No Balance Palace (2005) schmückten nicht nur die gesanglich mitwirkenden Größen David Bowie und Lou Reed, sondern auch El Lissitzkys konstruktivistischer Entwurf zu dessen "Abstrakten Kabinett".

Zuletzt nutzten Kashmir die Künste zur spannungsvollen Inszenierung ihres Album-Releases. Dessen Datum wurde zum einen auf die Magie der Zifferfolge 0 1 0 2 2 0 1 0 heruntergebrochen; ein numerologisches Palindrom, das im Vorfeld die komplette Website flutete. Zum anderen inszenierten sie das Cover Making als Malerkollektiv im Schutzanzug; Filmmaterial, das als erstes Video (youtube.com/watch?v=YAyQGLB2y4g) zum Vorab-Release "Mouthful of Wasp" diente.

Dieser appelliert nicht nur inhaltlich an mehr Offenheit, sondern bringt auch als Opener das Werkel schnell auf Midtempo: In Kaskaden plätschert der Synthesizer über die treibenden Gitarren; Eistrups Stimme schlendert darüber hinweg, verzichtet ganz auf Extreme. Zu mehr Drama bringt es Gesang und Gitarre erst bei "Mantaray", das für spannungsvolle Unruhe sorgt und in angerauhter Soundfläche endet. 

Dieses stete Aufbrechen Kashmirs zu Neuem heißt aber auch von Liebgewonnenem Abschied nehmen: Brüchiges, Experimentelleres und ein wenig der dunklen Indie-Note, verliert sich im Vergleich zu früheren Werken (Man erinnere sich etwa an das ekstatisch-rockige "Surfing the warm industry" aus Zitilites (2003)) zu Gunsten von handwerklich perfekten Songs, die in ihren runden Formen durchaus irritieren können: Zu glatt geraten ist etwa das im Refrain mit Xylophon akzentuierte "Still boy". Danach wird es ruhig, geradezu harmoniesüchtig könnte man sagen, obwohl Kashmir mit "Danger Bear" eine große, Seelenwasser aufmischende Ballade gelungen ist: An Eistrups Stimme von kratziger Zerbrechlichkeit mischen sich elegante, nie vordergründige Geräuschkulissen und dezente Orchesterklänge.

Trotz flauer Albumteile bleibt "Trespassers" ein Genuss - für Kenner wie Kashmir-Einsteiger. Daher sollte man sich auch das Konzert, bei dem die Vier stets ohnehin einen Tick mehr aufdrehen, nicht entgehen lassen. Nach ihrem Soloauftritt 2006 schafften es die Dänen 2007 nur für einen kurzen Gig ins Wuk. Auch diese drei entbehrungsreichen Jahre sollten nun endlich ein Ende finden. (Anne Katrin Feßler)

13. Mai, Szene Wien, Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr

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    foto: fms
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