Computerprogramm zur Amok-Früherkennung

12. Mai 2010, 15:40
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Kriminalpsychologen entwickelten System zur Prävention von Gewalttaten - Bereits Einsatz an Schulen

Zur Vorbeugung von Amokläufen können Schulen jetzt auf ein Computerprogramm zur Früherkennung möglicher Täter zurückgreifen. Das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagment des Kriminalpsychologen Jens Hoffmann in Darmstadt hat das Online-Programm DyRIAS (Dynamisches Risiko Analyse System) entwickelt, mit dem eine wissenschaftlich fundierte Risikoeinschätzung bei Schülern möglich sein soll. Damit sollen gefährliche Entwicklungen frühzeitig erkannt werden, um Eskalationsprozesse zu verhindern.

Fachleute

Das Computerprogramm richtet sich dem Institut zufolge ausschließlich an Fachleute wie Pädagogen, Psychologen, Psychiater, Therapeuten und Polizeibeamte. Diese können bei Nachweis ihrer fachlichen Tätigkeit eine Lizenz für das Programm erwerben und sich für DyRIAS schulen lassen. Wie das Magazin "Geo Wissen" berichtet, setzen bereits erste Schulen in Deutschland und die Stadtpolizei Zürich die Software ein. Weitere Schulen und schulpsychologische Dienste würden zurzeit in der Nutzung ausgebildet.

Früh erkannt

Im Probelauf erkannte DyRIAS demnach bisher alle eingegebenen deutschen und amerikanischen Fälle von "School shootings" bis März 2009. Auch im Fall des Amoklaufs von Winnenden vom März 2009 hätte das System bereits Monate vor der Tat auf der höchsten Risikostufe Alarm geschlagen.

Das Programm beruht auf der Erkenntnis der praxisorientierten Fachleute, dass es eindeutige Signale gibt, bevor jemand zum Amokläufer wird. Eine schwere, zielgerichtete Gewalttat sei immer der Endpunkt eines Entwicklungsprozesses, der von charakteristischen Merkmalen im Verhalten und in der Kommunikation des späteren Täters begleitet werde, erklärt das Institut.

Muster

Das Programm ist demnach weder eine Checkliste noch ein psychologischer Test, sondern ein verhaltensorientiertes Analyseinstrument, hinter dem sich ein komplexes Mustererkennungssystem verbirgt. Es erfasse komplexe Zusammenhänge und analysiere, inwieweit sich diese zu einem spezifischen Risikomuster verdichten.

Geballtes Wissen

Konkret läuft das Programm so ab, dass der Nutzer seinen Fall in anonymisierter Form eingibt. DyRIAS stellt dabei Fragen zu relevanten Risikofaktoren wie etwa Äußerungen zum Thema Selbstmord oder Formen von Gewaltdrohungen. Zu jeder Frage gibt es ausführliche Hintergrundinformationen, die immer aus einem Expertenvideo, einem wissenschaftlichen, aber gut verständlichen Text, Fallbeispielen und Quellennachweisen bestehen.

Risikoprofil

Nach der Eingabe der Informationen erstellt das System automatisiert einen Risikoreport, den der Nutzer per Mail erhält. In diesem Report erfährt man, ob aktuell ein geringes, mittleres oder hohes Risiko für eine schwere Gewalttat besteht. Dazu gibt es eine detaillierte Darstellung des genauen Risikoprofils.

Jahrelange Forschung

Datengrundlage des Programms sind mehrjährige Forschungsarbeiten an der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der TU Darmstadt. Außerdem wurden Erkenntnisse aus über 250 wissenschaftlichen Publikationen zu Tötungsdelikten, Amok, Schulgewalt und Risikoeinschätzung berücksichtigt. (APA/apn)

  • Ein Polizist vor der Hans-Böckler-Schule in Berlin.
    foto: apn

    Ein Polizist vor der Hans-Böckler-Schule in Berlin.

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