Essiggurke & Vanille

Geschmackverwirrung durch Demenz

12. Mai 2010, 09:49
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    foto: ap/michael probst

    Alte Menschen erhalten in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen oft Püree-Fertigmischungen. in deutsch-schweizerisches Projekt untersucht andere Formen der Zubereitung.

Demenz kann bewirken, dass die Bedeutung von Geschmack verloren geht und eine Vorliebe für unübliche Nahrung entsteht

Washington/Solothurn - Menschen, die an bestimmten Formen der Demenz leiden, entwickeln häufig Vorlieben für bestimmtes Essen, die ihr näheres Umfeld befremden. So werden manche plötzlich extrem wählerisch oder süchtig nach Süßem. Demenz kann bewirken, dass die Bedeutung von Geschmack verloren geht, erklärt ein Forscherteam in der Fachzeitschrift "Cortex" dieses Phänomen. Ein deutsch-schweizerisches Projekt greift indes die Geschmacksfrage auf und arbeitet an Speisen, die speziell auf die Bedürfnisse alter Menschen abgestimmt sind.

Skurrile Geschmackskombinationen

Die Wissenschaftler rund um Katherine Piwnica-Worms von der Washington University und Jason Warren vom University College London untersuchten Patienten, die an semantischer Demenz leiden. Diese Krankheit zeigt sich, indem die Bedeutung von Wörtern und auch von Dingen verloren geht, während gleichzeitig oft eine Vorliebe für unübliche Nahrung und deren Kombinationen entsteht. Die Versuchspersonen erhielten Geleebonbons und sollten deren verschiedene Geschmäcker unterscheiden und bestimmen.

Die Unterscheidung gelang den Patienten und sie konnten auch sagen, ob sie die probierten Geschmacksrichtungen als angenehm empfanden oder nicht. Ging es jedoch darum, den Geschmack einzelner Bonbons zu bestimmen, bereitete ihnen das ernsthafte Probleme. Ebenso mussten sie bei der Fragestellung, welche Geschmacksrichtungen gut zusammenpassen - etwa Vanille und Essiggurke - resignieren. "Das ist der erste Nachweis dafür, wie die Bedeutung von Geschmack bei der semantischen Demenz beeinträchtigt ist", schreiben die Forscher.

Vorliebe für Süßes

"Im Alter gehen bei vielen Menschen Teile des Geschmackssinnes verloren", bestätigt die Pflegewissenschaftlerin Ilka Lendner vom Bürgerspital Solothurn. Vielen würde nur mehr Süßes schmecken und selbst langjährige Lieblingsspeisen veränderten sich. "Alte beklagen sich etwa, dass man ihr Lieblingsessen verändert hätte oder empfinden einen sandigen Geschmack", so die Expertin. Besonders häufig sei dies bei Demenzkranken zu beobachten.

Lendner arbeitet in einem Projekt, das die Geschmackssensibilität alter Menschen fördern will. Gemeinsam mit dem Max-Planck-Instituts für Polymerforschung in Mainz und dem Koch Rolf Caviezel werden Konzepte zur besseren Verpflegung von Senioren erarbeitet. "Ziel ist es, die Geschmackssensibilität etwa durch Anreicherung und Geschmackskonzentration der Nahrung anzuregen. Alte Menschen sollen dadurch wieder mehr Lust am Essen entwickeln", so Lendner.

Gelees und aromatische Schäume

Alte Menschen erhalten in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen oft Püree-Fertigmischungen, die jedoch den Anschein des Einheitsbreis haben. Das Projekt der deutschen und schweizerischen Forscher untersucht andere Formen der Zubereitung, die dennoch Schluckbeschwerden, motorischen Einschränkungen, den Parkinson-Erkrankungen oder der Demenz gerecht werden. Möglich scheint etwa die Entwicklung schluckender Gelees, nichttropfende Flüssigkeiten oder aromatische Schäume, die dennoch Anregungen für das Schmecken, Riechen und Fühlen bieten. Das lebensnotwendige Essen soll somit auch wieder zum Mittel der Kommunikation und Stimulation werden, hoffen die Wissenschaftler. (pte)

Always Look on the Bright Side of Life
00
13.5.2010, 19:08

Ich bin zwar erst Mitte 30, aber mir schmeckt plötzlich ein bestimmter Radler mit alkoholfreiem Bier! Davor habe ich erst 2-3 Mal (meist ungewollt) an alkoholfreiem Bier genippt und den Geschmak als furchtbar empfunden.
Muss ich mich jetzt fürchten - könnte das ein Symptom für beginnende Demenz sein?

witchdoctor
00
13.5.2010, 16:38

Fraglich bleibt nur, ob die Geschmacksverwirrung nicht eher mit einem Verlust des Geruchssinns (Anosmie) erklärt werden könnte. Z.B. sind viele "Geschmackserlebnisse" rein vom Geruchssinn bestimmt. Klassiches Beispiel ist Zimt.

Vielleicht würde es helfen, die Speisen einfach mit frischen Gewürzen zuzubereiten, damit wird allerdings in Massenküchen am meisten gespart.

Dante Alighieri
31
12.5.2010, 17:22

Echtes Essen würde bei der Bewahrung des Geschmackssinns wohl am ehesten helfen. Aber das wär natürlich viel teurer zu verabreichen als Brei, Purée, Gelée, oder Schaum...

Nick Tameer
00
16.5.2010, 19:34

Dise Schäume scheinen mir mit Träumen wenig zu tun zu haben.

schottseitnkind
00
12.5.2010, 21:02

ich glaub du hast da was nicht verstanden...

Dante Alighieri
20
13.5.2010, 15:01

Ich glaub eher Sie haben da was nicht verstanden ;-) Gerade dann wenn jemand anfängt Demenz zu entwickeln ist es eben wichtig die betroffenen Sinne zu trainieren statt sie sofort ganz aufzugeben. Das beschleunigt den Abbau dann nur noch weiter.

Aber nachdem das Pflegepersonal aus Zeitmangel und Bequemlichkeit entgegen aller wissenschaftlicher Erkenntnisse weiterhin Brei verabreichen will, mit der bequemen (und empirisch überhaupt nicht belegbaren, aber wen kümmert das schon) Ausrede dass feste Nahrung ja viel größere Verschluckungsgefahr hätte...

Chien de Pique
00
14.5.2010, 03:18

Die betreffenden Gelée- und Schaumprodukte wären für Menschen gedacht, die eben nicht mehr normal schlucken, kauen, essen können, also für weit fortgeschrittene Stadien der genannten Krankheiten. Für frühere Phasen schlägt man geschmacksintensivere, angereicherte Nahrung vor.
Wovon Sie reden, ist hingegen die Zeit des Auftretens der allerersten Symptome.
Abgesehen davon glaube ich, dass Sie in einem derartig fordernden Beruf kein halbes Jahr überleben würden. Wenn man selbst keine alten Menschen unter stetem Zeitdruck für relativ wenig Geld pflegen muss, kann man leicht große Töne spucken.

Petzi Petz
01
13.5.2010, 18:08

Meine Großmutter war lange daheim, bis man sie nicht mal mehr eine Minute allein lassen konnte, dann gings nicht mehr. Sie hat immer selbstgekochtes bekommen, selbst jetzt in der Pflege kochen die selbst - trotzdem meint sie immer, das Essen schmeckt nicht mehr. Jedoch alzheimerbedingt muß ihr Essen zunehmend püriert werden, das mindert das Geschmackserlebnis sicherlich noch mehr, und selbst da verschluckt sie sich schon. Da wären die oben genannten Gele mit intensiviertem Geschmack sicherlich ein Vorteil.

mediview
 
00
12.5.2010, 11:39
Erkennbar...

Kann dadurch Demenz früher erkannt werden, oder sollen Demenzkranke wieder mehr "Esserlebnis" erfahren? http://mediview.wordpress.com/ Worum geht es den Wissenschaftlern genau?

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