"Schnelle Reaktion macht Produktion der Zukunft aus"

11. Mai 2010, 21:50
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Die europäische Industrie muss anpassungsfähiger werden, um zu überleben, sagt Engelbert Westkämper

Karin Krichmayr sprach mit dem Produktionstechnik-Experten über Automatisierung und die digitale Fabrik.

STANDARD: Der Druck auf Industriebetriebe steigt krisenbedingt, Standorte in den westlichen "Industrieländern" sind immer schwerer zu halten. Wie weit wird diese Entwicklung fortschreiten?

Westkämper: Dieser Druck wird sicherlich bleiben, die Auseinandersetzung um Märkte und Beschäftigung wird noch viel weiter gehen. Was wir brauchen, ist Beschäftigung. Wir müssen auch sehen, dass die Produktion und die Produktionstechnik als solche die Basis für den Erhalt von Beschäftigung in größerem Stil sind.

STANDARD: Produktionstechnik heißt meist fortschreitende Automatisierung – was auch einen Rückgang von Arbeitsplätzen impliziert.

Westkämper: Das ist ein Vorurteil. Die Erfahrung sagt uns, dass zwar im Einzelfall durch Automatisierung Arbeitsplätze verlorengehen. Insgesamt betrachtet sind Automatisierung und Automatisierungstechnik selbst ein sehr großes Beschäftigungsfeld geworden. Zweitens hat man durch Automatisierung auch Arbeitsplätze erhalten und die Wettbewerbsfähigkeit massiv gestärkt. Zum Dritten sind rund um Produktionsbetriebe eine Fülle von neuen Aufgaben entstanden, insbesondere in den sogenannten produktionsnahen Dienstleistungsbereichen. Wir sprechen heute von beschäftigungsförderlicher Automatisierung.

STANDARD: Eines der Forschungsfelder des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung ist die "digitale Fabrik". Inwieweit werden neue Technologien bereits eingesetzt?

Westkämper: Die digitale Fabrik ist ein virtuelles Abbild der Fabriken in Rechnern. Sie ist in einigen großen Unternehmen, etwa in der Automobil- und Luftfahrtbranche, schon weitestgehend realisiert. Dort sind digitale Werkzeuge in fast allen Produktionsvorbereitungen und Planungsbereichen, auch im Engineering im Einsatz. Bei kleineren mittelständischen Betrieben gibt es noch Probleme bei der Wirtschaftlichkeit und auch bei der Akzeptanz.

STANDARD: Wie kann man sich digitale Werkzeuge vorstellen?

Westkämper: Digitale Werkzeuge sind Software-Systeme, um Prozesse zu planen und zu optimieren, das Layout der Fabrik zu optimieren, zum Steuern sämtlicher Abläufe.

STANDARD: Kommt also in Zukunft die rein von Computern und Robotern gesteuerte vollautomatisierte Fabrik?

Westkämper: Nein, es geht heute nicht darum, die vollautomatisierte Fabrik zu bauen. Das hat man in den 80er-Jahren versucht und wieder gelassen. Es geht darum, den Wirkungsgrad an einzelnen Stellen zu erhöhen und damit die Effizienz zu steigern. Es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, wo wir an den Grenzen der Automatisierung angelangt sind. Heute geht es darum, eine höhere Schnelligkeit bei Veränderungen zu erreichen. Produkte werden immer kundenspezifischer, da heißt es, schneller auf Kundenwünsche einzugehen, auf Probleme und Fehler zu reagieren, Verschwendungen zu vermeiden. Und dabei sind die Werkzeuge der digitalen Fabrik äußerst wichtig.

STANDARD: Gängiges Konzept in der Industrieproduktion ist aber, dass Produkte an verschiedenen Orten entwickelt und gefertigt und oft um die halbe Welt transportiert werden, um an die Kunden zu kommen.

Westkämper: Unsere Konzepte zielen darauf ab, dass wir mehr Wertschöpfung, auch an Massengütern, hier in Europa behalten und hier die Möglichkeiten der Produktionstechnik nutzen, um auch die Massenproduktion wieder wirtschaftlich machen zu können und wieder nach Europa zurückzuholen.

STANDARD: Wie stehen die Zeichen dafür?

Westkämper: Es gibt einige sehr erfolgreiche Beispiele, wo in der Tat Produktion aus China oder Indien zurückgeholt wurde. Das ist immer dann machbar, wenn es um hohe Adaptionsfähigkeit, die schnelle Reaktion auf Veränderungen geht. Diese Geschwindigkeit ist das, was die Produktionssysteme der Zukunft ausmacht. Wenn die gegeben ist, dann ist auch eine Produktion in Europa ökonomisch.

STANDARD: Neben Digitalisierung und Automatisierung – welche Rezepte gibt es noch?

Westkämper: Wir brauchen heute viel mehr Nachhaltigkeit in der Produktion. Man muss versuchen die Energieeffizienz zu steigern, den Materialverbrauch zu reduzieren, gefährliche Stoffe zu vermeiden. Das sind nicht nur ökologische Faktoren, sondern auch ökonomische.

STANDARD: Aber das braucht Investitionen in effizientere Technologien.

Westkämper: Wir wissen heute, dass Investitionen oft gar nicht so hoch sind, etwa um Energie zu sparen oder anders zu sparen, sei es als Wärme, Luft, Strom oder Gas. Das war lange Zeit nicht das Topthema in den Unternehmen. Es gibt eine Fülle von Kleinmaßnahmen, die man in den Betrieben verankern kann, die zunächst einmal nichts oder nur wenig Geld kosten. Leider wird hier zu wenig getan, gemessen an dem, was wir tun könnten. Ich glaube, dass wir dazu auch Forschungsimpulse brauchen, die zeigen, was machbar ist.

STANDARD: Wie lange wird es dauern, bis sich die digitale, nachhaltige Fabrik durchsetzt?

Westkämper: Meines Erachtens wird das jetzt sehr schnell gehen. Das ist sicher eine der Antworten auf die Krise. Ich gehe davon aus, dass diese strukturellen Veränderungen in den Methoden und Systemen in den nächsten drei bis fünf Jahren kommen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.05.2010)


Zur Person

Engelbert Westkämper, geb. 1946, ist seit 1995 Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart wie auch Institutsleiter an der Universität Stuttgart. Der Maschinenbauingenieur war gestern, Dienstag, auf Einladung des Infrastrukturministeriums zu Gast in Wien, wo er über die Zukunft der industriellen Produktion sprach.

 

  • "Massenproduktion nach Europa holen": Engelbert Westkämper.
    foto: fraunhofer ipa

    "Massenproduktion nach Europa holen": Engelbert Westkämper.

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