Die Liebe in freier Wildbahn

11. Mai 2010, 21:09
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Gerade eine Handvoll Braunbären ist in Österreich beheimatet - In Schweden, wo es eine wachsende Population gibt, untersuchen heimische Forscher ihr Sozialverhalten

Unter anderem untersuchen die Wissenschafter, warum die männlichen Tiere gezielt Junge töten und Bärinnen heiß umkämpft sind.

"Problembär" – die Bezeichnung allein spricht für sich. Seit einigen Jahren erscheint sie immer wieder in den Schlagzeilen und zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Braunbären nach wie vor ist. Seine Anwesenheit ist vielerorts unerwünscht, die Bevölkerung unserer hochtechnologisierten Länder scheint ihn nur in den entlegensten Winkeln dulden zu wollen – wenn überhaupt.

Nachdem der Braunbär Anfang des 20. Jahrhunderts in Österreich faktisch verschwunden war, tauchte ein erstes Exemplar, der legendäre "Ötscherbär", 1972 in den Kalkalpen auf. Er war wahrscheinlich aus Slowenien eingewandert. 1989 bis 1993 führte die Naturschutzorganisation WWF im selben Gebiet erste Wiederansiedlungsversuche durch – mit mäßigem Erfolg. Auch wenn es bei den österreichischen Bären mehrfach Nachwuchs gegeben hat – es verschwinden stets wieder Tiere spurlos. Wahrscheinlich werden sie Opfer illegaler Jagd. Fachleute schätzen den heutigen Bärenbestand hierzulande auf gerade mal eine Handvoll Exemplare. "Österreich droht das nächste Land in Europa zu werden, in dem der Braunbär wieder ausstirbt", warnt der Zoologe Andreas Zedrosser vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien.

Im italienischen Naturpark Adamella-Brenta nördlich des Gardasees haben die Schutzmaßnahmen etwas besser gegriffen. Dort lebt eine auf circa 20 Tiere angewachsene, fortpflanzungsfähige Population, aus der auch immer wieder Bären abwandern. Auch die regelmäßigen Bärensichtungen in Südtirol, zuletzt vor wenigen Wochen, dürften darauf zurückzuführen sein. "Problembär" JJ1, Bruno, im Juni 2006 nach langer Wanderung durch Tirol in Südbayern erlegt, stammte ebenfalls aus Adamella-Brenta. Vor allem junge männliche Bären legen oft weite Strecken zurück, erklärt Andreas Zedrosser. In den Alpen endet das schnell fatal. Brunos Bruder JJ3 erschossen Jäger im April 2008 im schweizerischen Kanton Graubünden.

Skandinavische Erfolge

Es gibt allerdings auch Positives zu berichten, und zwar aus Skandinavien. Nachdem der Braunbär in Schweden vor hundert Jahren ebenfalls fast ausgestorben war, erfreut sich das Land heute eines guten Bestands von insgesamt circa 3500 Tieren. "Die Schweden haben das geschafft, was sonst keinem Land weltweit gelungen ist: eine wachsende Bärenpopulation", lobt Andreas Zedrosser.

Der österreichische Experte ist am Skandinavischen Braunbärprojekt (SBBP) beteiligt und untersucht zusammen mit norwegischen und schwedischen Kollegen die Populationsdynamik der dortigen Bärenbestände. Die Feldforschung bringt zahlreiche interessante Details ans Licht. Schwedische Braunbären ernähren sich zu je etwa 50 Prozent von Proteinen und Kohlenhydraten, berichtet Andreas Zedrosser. Die Hälfte der tierischen Kost bestehe aus Ameisen. "Der Bär reißt mit seiner Tatze einen Ameisenhügel auf und schleckt dann mit der Zunge die Tiere ab, die herauskrabbeln." Die zweite wichtige Proteinquelle ist Elchfleisch. Einerseits fressen die Bären öfter Kadaver, andererseits machen sie im Mai und Juni gezielt Jagd auf Elchkälber.

Ein besonders rätselhafter Aspekt der Bärenbiologie ist das Fortpflanzungsverhalten dieser Raubtiere. Der Hintergrund: Bei Braunbären kommt es immer wieder zum sogenannten "sexuell selektierten Infantizid" – männliche Braunbären töten gezielt Bärenjungen, aber nur, wenn diese nicht ihre eigenen Nachkommen sind. Was nach menschlichen Maßstäben brutaler Kindermord ist, hat evolutionär gesehen eine logische Ursache. Eine Bärenmutter ist so lange nicht fruchtbar und paarungsbereit, wie sie sich um ihre Jungtiere kümmert. Das dauert bis zu drei Jahre. Wenn sie ihre Kleinen aber vor oder während der Paarungszeit verliert, wird ein Weibchen schon kurz darauf wieder empfängnisbereit. Ein Kindstöter hat jetzt die Gelegenheit, sie zu decken und so seine eigenen Gene zu verbreiten.

Sexuell selektierter Infantizid wurde zwar schon für diverse sozial lebende Tierarten wie z. B. Löwen und manche Affenarten nachgewiesen, doch bei einzelgängerischen Säugern war das Phänomen bisher kaum bekannt. Deshalb wird die Erforschung dieses Verhaltens bei Braunbären vom österreichischen FWF gefördert. Andreas Zedrosser ist Projektleiter. Um die Bewegungen der Bären genau studieren zu können, statten der Zoologe und seine Kollegen die Bären mit speziellen Halsbandsendern aus. Man stellt die Tiere mit Betäubungsgewehren ruhig, legt ihnen die Geräte an und nimmt Gewebeproben zur genetischen Untersuchung. Dank der Technik lässt sich auch verfolgen, wer sich in freier Wildbahn wann und wie oft mit wem trifft.

Die bereits vorliegenden Ergebnisse zeugen von erstaunlicher Promiskuität. Die Anzahl der Sozialkontakte während der Paarungszeit wurde ziemlich unterschätzt, meint Andreas Zedrosser. "Das geht kunterbunt durcheinander." Manchmal sieht sich eine Bärin von bis zu fünf Verehrern umworben, unter denen es zu wilden Kämpfen kommt. "Wir haben aber auch schon ein besonders attraktives Männchen mit mehreren Weibchen beobachtet", sagt der Wiener Experte.

Paarungsgedächtnis

Eine mögliche Ursache für die Vielmännerei von Bärinnen dürfte der Schutz des zukünftigen Nachwuchses sein. Die männlichen Bären können sich offenbar gut an jede Artgenossin erinnern, mit der sie sich in der vergangenen Saison gepaart haben – und lassen sie und ihre Jungen in Ruhe. Ob sie aber auch tatsächlich der Vater sind, wissen sie nicht. Oft sind sie es auch nicht. Genetische Analysen der SBBP-Forscher zeigen, dass in der Regel die ältesten und größten Bärenmänner die meisten Nachkommen haben. Vermutlich können Bärinnen sogar nach der Kopulation auf physiologischem Wege bestimmte Spermien zur Befruchtung auswählen.

Der Promiskuitätstrick funktioniert aber nicht immer. Wenn Bärenmännchen von Jägern erlegt werden, entstehen Lücken, die meist bald durch Zuwanderung gefüllt werden. Der "Neue" stößt auf ihm unbekannte Artgenossinnen und macht, wenn er die Gelegenheit hat, kurzen Prozess mit deren Nachwuchs. Und ist der Vater vom nächsten Wurf der betroffenen Bärin. Zedrosser und Kollegen konnten bereits mehrere solcher Fälle eindeutig belegen. In Mittelschweden, wo Braunbären zwar kontrolliert, aber stark bejagt werden, scheint sexuell selektierter Infantizid sogar die wichtigste Sterblichkeitsursache für Jungbären zu sein. Dem Wachstum der dortigen Populationen hat es wohl nicht geschadet – auf kleinere Bärenbestände könnte der durch Jagd indirekt verursachte Nachwuchsschwund aber starken Einfluss haben. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. Mai 2010)


Wissen: Wanderlustige Einzelgänger

Braunbären (Ursus arctos) sind mit einer Länge von manchmal mehr als zwei Metern und einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm die größten einheimischen Raubtiere Europas. Sie können mehr als 30 Jahre alt werden. Die Tiere leben solitär, auch wenn sie keine festen Territorien verteidigen und sich ihre Streifzuggebiete öfter überlappen. Ursprünglich bewohnte die Art praktisch ganz Europa sowie große Teile Asiens und Nordamerikas.

Braunbären sind, zoologisch gesehen, zwar Raubtiere, doch sie ernähren sich zu einem wesentlichen Teil vegetarisch. Im Spätsommer/Herbst nehmen sie große Mengen an Beeren zu sich. Die Fortpflanzungsrate ist gering. Bärinnen bringen nur alle zwei, drei Jahre bis zu vier Junge zur Welt, die bei der Geburt nur wenige hundert Gramm wiegen und noch blind und kahl sind. Bei Erreichen der Geschlechtsreife wandern vor allem männliche Bären oft weit von ihrem Geburtsort ab, in Skandinavien durchschnittlich 120 Kilometer, in Einzelfällen sogar knapp 500 Kilometer.

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    Immer seltener sind Braunbären in Europa anzutreffen. Zoologen heften sich mit Sendern an ihre Spuren - und erforschen so ihr oft seltsames Verhalten.

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