Sonnige Aussichten nach Pfeilregen

12. Mai 2010, 11:01
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Die 63. Filmfestspiele beginnen im Sherwood Forest - Der Wettbewerb ist weniger glamourös als 2009, verspricht aber Überraschungen

Das Spiel läuft jedes Jahr nach demselben Muster ab: Ende April, kurz vor der Pressekonferenz, beginnt in den Online-Foren das Wetten um die Teilnehmer des Filmfestivals von Cannes. Diesmal lautete die große Frage, ob Terrence Malicks mit Spannung erwarteter neuer Film Tree of Life im Aufgebot stehen würde. Festivalchef Thierry Frémaux ließ sich bis zuletzt ein Fenster offen, am Ende musste er dennoch auf den Film verzichten.

Es hat wohl auch mit dieser Lücke zu tun, dass das Line-up der am Mittwoch beginnenden 63. Internationalen Filmfestspiele von Cannes mancherorts als ein wenig unattraktiv bezeichnet wird. Gewiss, über ein Aufgebot wie im vergangenen Jahr, als Quentin Tarantino, Lars von Trier und Michael Haneke neue Filme vorstellten, wird man nicht immer verfügen. Andererseits haben solche Spitzenjahrgänge auch etwas Überraschungsloses: Der Reiz von Festivals liegt ja nicht zuletzt in Neuentdeckungen.

Vielseitiger Wettbewerb

Betrachtet man den Wettbewerb von 2010 ein wenig genauer, erweist er sich als äußerst vielseitig - vielleicht weniger glamourös, dafür mit Hang zu Besonderheiten: Nicht nur haben arrivierte Regisseure wie Mike Leigh, Abbas Kiarostami, Bertrand Tavernier, und Takeshi Kitano neue Filme vorzuweisen; mit dem Thailänder Apichatpong Weerasethakul, Mahamat Saleh-Haroun aus dem Tschad oder dem Franzosen Xavier Beauvois stehen ihnen auch eigenwillig-kompromisslose jüngere Autoren des Weltkinos gegenüber.

Dazu kommt noch, dass die Nebenschiene Un Certain Regard heuer besonders vielversprechend besetzt ist: Jean-Luc Godards Socialism erlebt hier seine Premiere, neben Filmen des Rumänen Cristi Puiu, des Chinesen Jia Zhangke oder des deutschen Regisseurs Christoph Hochhäusler. Das US-amerikanische Kino, das die Werbemaschinerie des Festivals nicht mehr so stark wie früher nutzt, ist außerhalb des Wettbewerbs platziert: Oliver Stone präsentiert sein Sequel zu Wall Street, Woody Allen eine neue Komödie - das sichert ein paar Stars mehr auf dem roten Teppich.

Zu Beginn freilich wird mit Ridley Scotts Neuverfilmung von Robin Hood dem Spektakelkino gefrönt (Österreich-Start ist am 13.5.). Scott und Drehbuchautor Brian Helgeland erzählen eine Art Prequel zum popmythologischen Rächer der Enterbten aus dem Sherwood Forest - die Geschichte eines gemeinen Soldaten namens Robin Longstride, der an der Seite von König Löwenherz kämpft und durch eine Verkettung von Umständen in die offizielle Geschichtsschreibung gerät. Die Parallelen zu Scotts Gladiator, in dem Russell Crowe einen ähnlichen Weg bestritten hat, liegen auf der Hand.

Einzelgänger mit Mission

Der Film nimmt sich viel Zeit, um die einzelnen Fraktionen und ihre jeweiligen Interessen auszuleuchten: Da ist der schwächlich-narzisstische König John (Oscar Isaac), der sich von seinen Vorgängern freispielen will und den gerissenen Godfrey (Mark Strong) zum Vertrauensmann erhebt; der macht in Wahrheit gemeinsame Sache mit den Franzosen und plant den Sturz des britischen Königshauses. Robin wiederum, anfangs noch ein notorischer Einzelgänger, wird erst über den Vater eines getöteten Ritters (Max von Sydow) näher an seine eigene Bestimmung geführt: Sein Kampf gegen Tyrannei und für mehr Gleichberechtigung verdankt sich quasi familiärem Erbgut.

In ausgewaschenen Farben und mit der für das Geschichtsepos neueren Datums obligatorischen Grimmigkeit wird der Robin Hood unseres Herzens zum austauschbaren Helden eines universelleren Freiheitskampfs. Der pseudohistorisierende Zugang des Films hat allerdings seinen Preis: Die romantische Fröhlichkeit des selbstlosen Banditen und seiner Getreuen wird dem hohlen Pathos politischer Ideale geopfert, die mit erzählerischer Schwerfälligkeit ausagiert werden.

Scotts Versuch, Robin Hood neue Ernsthaftigkeit zuzuführen, scheitert schon daran, dass etliche seiner Nebenspieler auf Karikaturen reduziert sind. Am Schlimmsten erwischt es die Franzosen, die als brutale und niederträchtige Eroberer gezeigt werden, auf die es hunderte Pfeile regnen wird. Zumindest in dieser Hinsicht ist Robin Hood ein couragierter Eröffnungsfilm für das größte französische Filmfestival. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.5.2010)

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    Regisseur Ridley Scott eröffnet mit seiner Version der Geschichte von "Robin Hood" das Festival in Cannes. Russell Crowe hat sich den edlen Rächer aus dem Sherwood Forest in "Gladiator" -Manier anverwandelt.

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