Einige schlichte Fragen zur Eurokrise

11. Mai 2010, 17:37
555 Postings

Kann der große Crash noch kommen, und wie geht es überhaupt weiter?

Einige scheinbar schlichte Fragen, die sich intelligente, gebildete Bürger, die aber nicht internationale Finanzwirtschaft studiert haben, zur aktuellen Euro-Krise stellen könnten (und wohl auch stellen):

Erstens: Was geht das alles mich persönlich an?

Sehr viel, weil im allerschlimmsten Fall die Ersparnisse, aber auch die Arbeitsplätze und die sozialen Absicherungssysteme des einzelnen Bürgers den Bach runtergehen könnten.

Diese Gefahr besteht bereits seit einigen Jahren, seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise. Sowohl große Staaten wie riesige Finanzinstitutionen (vor allem in den USA) haben eine ungeheure, auf Kredit aufgebaute Konstruktion errichtet. Geld muss geglaubt werden. Bricht eine Stütze an einer Ecke ein, droht in einer Panikreaktion der Marktteilnehmer alles zusammenzukrachen.

Banken haben zu viele faule Kredite vergeben, Staaten haben zu viele faule Kredite aufgenommen, um ihre Sozialnetze zu finanzieren. Geraten zu viele große Banken oder auch Staaten an den Rand der Zahlungsunfähigkeit und bekommen keinen weiteren Kredit mehr, droht ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft "wie in den Dreißigerjahren" (Zitat Josef Pröll).

Diese Katastrophe mit Vernichtung der Ersparnisse und mit Massenarbeitslosigkeit wurde seit Herbst 2008 bisher viermal abgefangen: Zuerst pumpten die USA ungeheure Summen in ihr Bankensystem; dann, wenige Monate später, die Westeuropäer für ihren Bankensektor, dann der Internationale Währungsfonds und die Europäer für die osteuropäischen Staaten (und Banken); jetzt, am vergangenen Wochenende, die EU für Griechenland und sich selbst. Es war so dramatisch, wie jetzt langsam durchsickert: Es wurde damit vermieden, dass der Euro verschwindet und die EU auseinanderbricht.

Zwischenfrage: Wäre das so schlimm?

Ja, sehr, sehr schlimm, denn die EU ist als Raum der noch so fehlerhaften politischen und wirtschaftlichen Kooperation wesentlich besser als die hilflose Kleinstaaterei, die dann käme.

Die EU ist trotz allem eine Wohlstandsmaschine, auch weil sie neue, ärmere Mitglieder aufgenommen hat, die als Aufholkandidaten neuen Wohlstand bringen.

Wenn sich österreichische Schnapsideen wie die "neue Donaumonarchie" des Hans Dichand oder der Quasi-Anschluss an Deutschland in eine "Währungsunion der Starken" von H.-C. Strache durchsetzen sollten, müssten in diesem Fall heimische Banken in ganz Europa, besonders aber in ganz Osteuropa, gewaltige Kredite abschreiben (außer wir marschieren dort ein) und gingen wohl pleite. Im Übrigen käme es jedenfalls zu einem Wirtschaftskrieg aller gegen alle (wie in den Dreißigerjahren).

Schließlich: Kann der große Crash noch kommen, und wie geht es überhaupt weiter? Ja, der große Crash ist eine (schwache) Möglichkeit. Um ihn zu vermeiden, muss die riesige, weltweite Schuldenblase kontrolliert zurückgefahren werden. Das bedeutet aber, dass - auch in Österreich - Steuern erhöht und Sozialleistungen eingebremst werden müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2010)

Share if you care.