Missbrauchsfälle "erschreckend"

11. Mai 2010, 14:53
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"Größter Angriff kommt aus dem Innern der Kirche selbst" - Ankunft in Lissabon - Besuch in Wallfahrtsort Fatima geplant

Überschattet von den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche hat Papst Benedikt XVI. am Dienstag einen viertägigen Besuch in Portugal begonnen. "Der größte Angriff auf die Kirche kommt heute aus dem Innern der Kirche selbst - durch die Sünde", sagte der Papst auf dem Flug von Rom nach Lissabon. "Heute sehen wir das in einer wirklich erschreckenden Weise."

Benedikt antwortete im Flugzeug auf Fragen von Journalisten zu den Missbrauchsskandalen vor allem in Irland und Deutschland, die seit Monaten die katholische Kirche schwer belasten. Die katholische Kirche sollte nach Auffassung des Papstes die Gründe für den Missbrauchsskandal bei sich selbst suchen. Die Kirche müsse dringend anerkennen, dass sie Buße und Läuterung brauche und die Opfer sexuellen Missbrauchs um Vergebung bitten müsse. Vergebung könne aber Gerechtigkeit nicht ersetzen.

Das Flugzeug des Papstes landete um 10.57 Ortszeit (11.57 MESZ) auf dem Militärflughafen Figo Maduro in der Hauptstadt Lissabon. Der Pontifex wurde von Portugals Präsident Anibal Cavaco Silva sowie von Ministerpräsident José Sócrates und den Spitzen der portugiesischen Kirche empfangen. Eine "Botschaft der Hoffnung" sei in "diesen Zeiten der Ungewissheit" nötig, sagte Cavaco Silva in seiner Begrüßungsrede in Anspielung auf die schwere Wirtschaftskrise in Portugal.

Der Papst will auf seiner Portugal-Reise den von Schuldenkrisen und Finanznöten geplagten Europäern Mut zusprechen. Das katholische Kirchenoberhaupt werde über die "Freude des Glaubens und der Hoffnung" als Mittel gegen die wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise gedrückte Stimmung predigen, sagte Carlos Azevedo, Weihbischof von Lissabon und Koordinator des Besuchs.

"Europa muss wachgerüttelt werden"

"Die moralischen Werte, an denen sich Wirtschaft und Politik orientieren, zeigen, dass es eine spirituelle Krise gibt", sagte Azevedo vor der Ankunft des Papstes. "Europa muss wachgerüttelt werden." Portugal ist das ärmste Land Westeuropas und gilt nach Griechenland als nächster Wackelkandidat in der EU-Verschuldungskrise.

In seiner ersten Rede auf dem Flughafen erwähnte der Papst die in Portugal umstrittene Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes und die jüngst vom Parlament gebilligte Einführung der Homoehe nicht direkt. Er sagte, bei der Beteiligung der Katholiken am öffentlichen Leben gehe es nicht um einen "ethischen Streit zwischen einem weltlichen und einem religiösen System". Danach fuhr Benedikt im Papamobil unter massiven Sicherheitsvorkehrungen in die Innenstadt. Tausende säumten die Straßen und jubelten dem Besucher zu.

Im Mittelpunkt der 15. Auslandsreise von Benedikt steht ein Besuch in Fátima. Der Marienwallfahrtsort etwa 120 Kilometer nördlich von Lissabon zählt neben Lourdes in Frankreich und Santiago de Compostela in Spanien zu den bekanntesten katholischen Pilgerstätten Europas. Dort will der Papst am Donnerstag an den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Marienerscheinung von 1917 teilnehmen. Anlass seiner Reise ist der zehnte Jahrestag der Seligsprechungen von Fátima. Vor zehn Jahren hatte Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. zwei der drei Hirtenkinder seliggesprochen, denen dort 1917 die Jungfrau Maria erschienen sein soll.

Am Dienstagabend (gegen 19.30 MESZ) wollte der Papst auf dem Platz Terreiro do Paço am Tejo-Fluss im Zentrum von Lissabon eine Messe feiern. Zu dem Gottesdienst wurden zwischen 150.000 und 200.000 Menschen erwartet. Nach Fátima besucht Benedikt zum Abschluss seines Aufenthalts auch die nordportugiesische Stadt Porto.

Der Papst hat in diesem Jahr neben Portugal noch drei weitere Auslandsreisen geplant: nach Zypern, Großbritannien und Spanien. Er wird am Freitagabend in Rom zurückerwartet. (APA)

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