Sicherheit in der U-Bahn

Der menschliche Faktor

10. Mai 2010 19:10

Die Wiener Linien sollten mehr auf Technik als auf die U-Bahn-Fahrer vertrauen - Von Tobias Müller

Die U-Bahn ist eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. 812 Millionen Menschen beförderte sie vergangenes Jahr durch Wien, Unfälle gab es kaum. Die Fahrt auf einem Kinderkarussell birgt ein ungleich höheres Risiko als ein Trip durch den Untergrund. Trotzdem sollten Sätze wie dieser den Wiener Linien zu denken geben: "Bei der technischen Prüfung des U-Bahn-Zuges (...) konnten keine Mängel an den Türen (...) festgestellt werden". Das steht nicht in der Bilanz einer Routinekontrolle, sondern in dem Bericht über jenen Zug, in dessen Tür ein Fünfjähriger eingeklemmt und mitgeschleift wurde.

Im Vergleich zu früheren Unfällen haben die Wiener Linien diesmal prompt und ehrlich reagiert: Übers Wochenende wurde ein erster Bericht fertig, Fehler wurden eingestanden und Konsequenzen angekündigt. Abzuwarten bleibt aber, wann und ob sie umgesetzt werden. Vor über einem Jahr versprachen sie, alle alten Straßenbahnen mit Rückspiegeln nachzurüsten - bis heute ist das erst bei der Hälfte passiert. Und erst seit zwei Wochen haben alle sensible Türfühlkanten, die eingeklemmte Fahrgäste bemerken.

U-Bahnen haben solche Kanten nicht. Zwar sollten sich ihre Türen bei "Widerstand" öffnen - dass aber Widerstand hier massive Gegenwehr bedeutet, weiß jeder, der sich schon einmal zwischen ihnen blaue Flecken geholt hat. Bei U-Bahnen soll der Fahrer für Sicherheit sorgen: Erst wenn er einen Knopf drückt, schließen sich die Türen. Den "menschlichen Faktor" nennen das die Wiener Linien.

Genau das wurde aber einem Kind zum Verhängnis. Der Fahrer hat entweder nicht geschaut oder den Buben übersehen. Auch wenn es vielen Menschen Angst macht, werden neue U-Bahn-Linien in anderen Großstädten meist vollautomatisch, also ohne Fahrer, geplant. Lichtschranken oder komplett verglaste Bahnsteige sorgen hier für Sicherheit - und es funktioniert. Menschen machen einfach öfter Fehler als Maschinen. Auch die Wiener Linien sollten mehr auf Technik als auf die U-Bahn-Fahrer vertrauen. (Tobias Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 11.5.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
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living reef
13.05.2010 08:22
blödheit der menschen stirbt leider nicht aus

wenn der zug abgefertigt ist gibt es kein einsteigen, hineinspringen und gewaltsam türe zurückhalten mehr und basta! die unfälle werden von den - nicht einmal den einfachsten sicherheits befolgenden - fahrgästen selber provoziert! die fahrerInnen sind dann zwangsläufig die bauernopfer. mein mitgefühl dem betreffenden fahrer, der mit sicherheit sehr lange an diesem vorfall "zu kauen hat". weil ein erwachsener mensch die entsprechende sorgfalts und aufsichtsplicht gegenüber einem kelinen kind mißachtet hat wird er jetzt wegen körperverletzung angezeigt. das ganze ist schlichtweg ein skandal erster güte und diese menschenhatz muß endlich ein ende finden.

trainman
11.05.2010 16:41
spiegel sind ein blödsinn

§ 45 der straßenbahnverordnung sagt klar, die tür muss einen derartigen unfall verhindern. ist auch klar! wie soll man von der fahrerkabine per spiegel den ganzen zug überblicken können?

da versucht man nur wieder die verantwortung auf den kleinsten abzuschieben und die staatsanwaltschaft spielt mit

Iris Meier
11.05.2010 16:19
münchen vorfall

seit vor jahren in münchen jemand so zu tode geschleift wurde, renne ich überhaupt nicht mehr in die sich schließende tür, mit einem kind an der hand wäre ich ohnehin nicht auf die idee gekommen.

sturmwind
11.05.2010 16:14
Irgendwie finde ich die Tendenz

Selbständiges, selbstverantwortliches Denken an (vermeintliche) "einfache technische Lösungen" bedenklich.

Die Illusion jeden Bereich des Lebens (aus "Sicherheitsgründen") strengstens reglementieren zu können ist eine gefährliche Annahme. Und führt nebenbei zu einer hochgradigen Unselbständigkeit "der Bevölkerung".

Mir ist schon klar, dass es für viele Leute "einfacher" ist, wenn es klare Schuldige gibt und wenn man den Artikel da oben durchliest, dann scheint der gleiche Unfall bei "technischem Versagen" weniger Probleme zu bereiten, als bei menschlichem Versagen.

Aber man weiß ja, wie sich sterile Umgebungen auf die Widerstandskraft von Menschen auswirkt.

Denes
11.05.2010 14:56
Haben die Wiener Linien jetzt auch schon KampfposterInnen?

JulchenH
11.05.2010 14:59

Nein, aber manche PosterInnen (würg!) haben halt sowas wie ein Hirn, welches sie auch einzuschalten pflegen!
Aber wahrscheinlich sind Sie selber einer der Sorte, der nach dem Signal in den Zug springt, während des Reinspringens beinahe eingeklemmt wird und sich danach im Zug lautstark über den unfähigen U-Bahn-Fahrer und die saublöden Türen mokiert ...

Hugh G. Rection
11.05.2010 17:34
Tja es hat halt

auch nicht jeder einen BMI < 20 sodass man auch so wie ich locker durch die sich schließende Tür gleiten kann...

Scherz beiseite, seit's mich mal beim Ersprinten der S-Bahn dann im Waggon furchtbar aufbirnt hat, hab ich's signifikant weniger eilig.

JulchenH
11.05.2010 14:53

Hirnverbrannter Artikel! Warum kein Wort über die Mutter des Buben? Als wäre der Fahrer schuld wenn die Mutter nicht auf ihren Sohn aufpassen kann, so dass dieser nach dem "Zug fährt ab" noch in die U-Bahn möchte?

KTHXBYE
11.05.2010 12:47

Die menschliche Dummheit ist mit deterministischem Aufwand nicht vollständig kompensierbar.

al valió
11.05.2010 10:31
"Bahnsteigtür" nennt sich das Konzept in anderen Ländern

Ist in vielen Großstädten üblich, auch in ärmeren Ländern als Österreich.

Kein Runterfallen oder Gestoßen werden auf Gleise mehr, kein Einklemmen und Mitschleppen in Türen.

Woanders ist sowas selbstverständlich. Aber in Österreich heisst's immer noch "kenn man net, brauch man net" - fragt sich wieviele Unfälle die Wiener Linien brauchen bis sie auch bei der Sicherheit auf internationalen Standard kommen?

Firefrorefiddle
11.05.2010 13:13

bahnsteigtüren gibt es den u-bahnen mit klimatisierten stationen und dort erfüllen sie einen anderen zweck. die typischen hektiker, die ungeachtet der akustischen signale, in wahrer torschlußpanik in den waggon stürzen werden dann halt in einer anderen türe eingeklemmt, womöglich dann in zwei türen.
eigenverantworung ist halt nicht immer abwälzbar, auch wenn das sehr bequem wäre.

trollvottel
11.05.2010 12:19

Dort, Al, gibt es dann wohl auch die mannshohen Drehkreuze zum Durchgehen; uniformiertes Wachpersonal mit Knüppeln wacht darüber, dass keine bösen Schwarzfahrwilligen Absperrungen überklettern; regelmäßig sperrt die Polizei ganze U-Bahnhöfe und filzt dann jeden, der die falsche Hautfarbe hat ...

zeamount
11.05.2010 11:15

erstens ist das alles andere als üblich - diese einrichtung wird nur in wenigen städten und dort auch nur auf einzelnen linien angewandt.

zweitens ist ein bissl eigenverantwortung der menschen durchaus auch gefordert. ein nanny state führt nur zur weiteren abhängigkeit der menschen vor sicherheitssystemen. ja, klar, man muss machen was geht, um risiko zu minimieren. und wenn man die zahl der fahrgäste mit der der unfälle vergleicht, sind die wiener linien sehr, sehr sicher. im vergleich dazu müsste man den privaten autoverkehr sofort verbieten, so viel wie dort passiert. und sämtliche gehsteigkanten sind ungesichert - das hält der mensch aus, ob man's glaubt oder nicht.

wien 1220
 
11.05.2010 10:53

Auch Technik kann versagen und versagt auch, zumeist häufiger als unachtsame Fahrer.

Wenn Sie im Ausland sind, dann sehen Sie nur, dass es die Einrichtung gibt, die Betriebszahlen kennen sie nicht. Ebensowenig, ob das System flächendeckend oder nur punktuell eingesetzt wird.

Ob 2 Milliarden Euro reichen würden, um die Nachrüstung umzusetzen, so sie überhaupt technisch möglich ist?

verleih nix
11.05.2010 12:01
technikversagen?

meinen sie spiegel, die ab ein paar cm bewegung systembedigt nix mehr anzeigen, statt kameras?

oder deaktivierte notbremsen? haben die jemanden gestört?

oder ein system, wo das fahrzeug nach drücken des start-buttons unbeeinflussbar in die nächste station fährt?

da liegt sehr wohl massives menschliches versagen vor. allerdings nicht unbedingt nur beim fahrer!

wien 1220
 
11.05.2010 12:18

Warum melden Sie sich nicht als Zivilingenieur bei den Wiener Linien? Mit Ihrem Sachwissen könnten Sie doch dort viel Geld verdienen. Die paar kleinen Problemchen lösen Sie doch mit links.

janwillem
11.05.2010 13:44

Vielleicht hat er aber nicht das richtige Parteibuch.

wien 1220
 
11.05.2010 13:51

Bei der Qualifikation nehmen die ihn auch als HC-Fan!

al valió
11.05.2010 10:32
Kräuterpfarrer Escobar
11.05.2010 10:19
Das Lichtschranken-System funktioniert nicht

Ich sehs in Berlin, da sind die Busse mit LIchtschranken ausgerüstet. Sobalds ein bisschen voller wird, muss der Fahrer jedes Mal die Durchsage machen, man möge doch aus der Lichtschranke wegtreten.

Bei der U-Bahn wärs vermutlich so, dass die Züge gar nicht mehr wegfahren könnten, weil ständig Leute nachströmen. Solange die Türe offen ist, wird eingestiegen.

Die S-Bahnen in Berlin haben auch Lichtschranken. Aber wenn das rote Licht aussen angeht, dann weiss man, jetzt gehen die Türen zu. Wurscht, ob da wer in der Lichtschranke steht.

Major Nelson
 
11.05.2010 19:32
Und was spricht gegen ein rotes Licht außen an den U-Bahn-Zügen?

Wenn's aufleuchtet, weiß ich, die Tür geht zu. Reinspringen zwecklos bzw. gefährlich.

Oder ein Display neben der Tür zählt gut sichtbar 5 Sekunden runter auf 0.

Die Durchsage "Zuuuu-ääät-appp!" ist ja lächerlich und für Touristen außerdem unverständlich.

living reef
13.05.2010 08:24
weil auch autofahrer, fußgänger und radfahrer rotes ampellicht mißachten?

Quim Barreiros
11.05.2010 23:02

Touristen sind nicht hirnlos. Ungarisches Genuschel in der Budapester U-Bahn verstehe ich zwar nicht, aber spätestens nach der zweiten Station weiß ich, was gemeint sein könnte.

Ivan Fedorov
11.05.2010 19:48
ähm

es gibt ein warngeräusch, wenn die ubahn-türen zugehen, auch in wien...

tilldo
11.05.2010 10:04

Oft kommt mir vor, die Menschen sind wie eine Herde dummer, blökender Schafe und wollen auch genauso behandelt werden. Ganz nach dem Motto "Ich nix wollen denken!".

Ich verstehe die Leute einfach nicht, die beim Schließen der Türen noch dagegen rennen müssen oder beim Ertönen des Abfahrt-Signals am oberen Ende der Rolltreppe anfangen wie die Irren hinunterzurennen. Wie Schafe eben, die Angst haben nicht mehr rechtzeitig zum Futtertrog zu kommen.

So eilig kann man es als wichtigster Wichtiger nicht haben, dass man nicht 3 Minuten auf die nächste U-Bahn warten kann, bevor man sein eigenes oder das Leben der anderen Fahrgäste gefährdet.

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