"Trümmerfrau" wird für die SPD zum Kraftwerk

10. Mai 2010, 18:48
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Hannelore Kraft will in Nordrhein-Westfalen regieren

Immer diese Wortspielchen. Man kommt einfach nicht umhin. "Kraftvoll" sei die SPD in Nordrhein-Westfalen, heißt es bei den Genossen. In einem "Kraftakt" habe man Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) abgewählt. Hannelore Kraft, SPD-Chefin von Nordrhein-Westfalen, hat sich daran gewöhnt und spielt ja oft selbst mit ihrem Namen, die SPD-Zentrale in Düsseldorf nennt sie "Kraftwerk" .

Es ist noch nicht lange her, da gab es für die heute 48-Jährige deutlich weniger schmeichelhafte Bezeichnungen. 2005, als Kraft die SPD in Nordrhein-Westfalen übernahm, galt sie als "Trümmerfrau" . Die SPD war nach 39 Jahren an der Macht abgewählt worden. Die Mitglieder liefen der Partei in Scharen davon, jene, die blieben, waren tief frustriert. Rote Granden wie Wolfgang Clement oder Peer Steinbrück wollten sich den Wiederaufbau nicht antun. Also übernahm Kraft Amt und Bürden.

Sowohl ihre Herkunft als auch der erste Kontakt zu den Sozialdemokraten passen wunderbar in eine SPD-Erfolgsbiografie. Kraft stammt aus einfachen Verhältnissen, ihr Vater war Straßenbahnfahrer, die Mutter Verkäuferin. Nach der Matura absolviert die Tochter zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau, danach studiert sie in Duisburg und am King's College in London Wirtschaftswissenschaften. "Ohne die SPD hätte ich weder Abitur gemacht noch studiert" , sagt sie.

Der Eintritt in die SPDgeschah 1994. Kraft ist zu dieser Zeit Mutter eines einjährigen Sohnes. Der kleine Jan braucht einen Kindergartenplatz, aber er bekommt keinen. Das findet Kraft "ungerecht" und beschließt mit folgenden Worten, in die SPD einzutreten: "Wenn ihr mich brauchen könnt, dann mache ich mit." Sechs Jahre später sitzt sie schon im Landtag.

Regierungserfahrung hat Kraft bereits: Von 2001 bis 2002 war sie in Nordrhein-Westfalen Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, danach bis 2005 Wissenschaftsministerin. Hoch sind ihre Popularitätswerte. Kraft gilt als bodenständig und herzlich. Somit konnte sich das "Arbeiterkind" im Wahlkampf auch als persönliche Alternative zum selbsternannten und stets etwas distanzierten "Arbeiterführer" Rüttgers etablieren.

Viele vergleichen Kraft schon mit Bundeskanzlerin Angela Merkel: eine Frau, die lange unterschätzt wurde, aber im richtigen Moment zupacken kann. Eines jedenfalls haben beide gemeinsam. Auch Kraft trägt am liebsten Hosenanzüge. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 11.5.2010)

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