"Das Entdecken sollte immer die Hauptsache bleiben"

10. Mai 2010, 18:52
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Vor 50 Jahren gelang Kurt Diem­berger die Erstbesteigung des Dhaulagiri. Er war Kameramann und der letzte Mensch, der Hermann Buhl lebend gesehen hat

Bologna - "Ich war mit meinem Seilgefährten Nawang auf der Gipfelschneide mit ihren Aufschwüngen und Höckern weit voraus. Wir fühlten uns trotz durchwachter Nacht im letzten Lager sehr gut in Form," erzählt Kurt Diemberger beim Interview in seinem Haus in Monte St. Pietro, 15 Kilometer außerhalb von Bologna, über den historischen Gipfelgang vor 50 Jahren. "Nawang hat noch verschmitzt gemeint: Kurt and Nawang first on top - aber wir haben dann gewartet. Schließlich war es eine Schweizer Expedition, und so sollte ein Schweizer als Erster den Gipfel betreten." Diemberger lässt Albin Schelbert den Vortritt und filmt ihn auf den letzten Metern zum höchsten Punkt, das sind die ersten Filmaufnahmen aus solch einer Höhe.

Man schrieb den 13. Mai 1960, als sechs Bergsteiger einer internationalen Schweizer Expedition zum ersten Mal den Gipfel des 8167 Meter hohen Dhaulagiri im Himalaya erreichen. Mit dabei ist auch der Österreicher Kurt Diemberger, dem damit nach dem Broad Peak 1957 die zweite Erstbesteigung eines Achttausenders gelingt. Zehn Tage später betreten zwei weitere Teilnehmer den Gipfel und bringen so eine manchmal unter großen Schwierigkeiten leidende Expedition zu einem guten Abschluss.

Der Dhaulagiri wurde 1950 als erster Achttausender von den Franzosen auf seine Besteigungsmöglichkeiten erkundet. Die Expedition unter der Leitung von Maurice Herzog bestieg aber dann die gegenüberliegende, durch das tiefe Kali-Gandaki-Tal getrennte Annapurna, und es sollte zehn Jahre dauern, bis der in früherer Zeit als höchster Berg der Welt geltende "Weiße Berg" im Mai 1960 endlich erklettert wurde.

Das Flugzeug

Die Idee der Schweizer Expedition unter der Leitung von Max Eiselin war revolutionär. Erstmals wollte man das ganze Equipment und die Teilnehmer mithilfe ei-nes Gletscherflugzeugs zum Berg bringen. Die Pilatus Porter mit dem Namen "Yeti" leistete auch einige Zeit brav ihre Dienste. Gesteuert wurde sie von den erfahrenen Piloten Ernst Saxer und Emil Wick. Sie landeten die Maschine oft auf dem Dapa Col auf 5200 Metern und später auch auf dem Nordostsattel auf 5750 Meter Seehöhe, dem geplanten Basislager.

Nachdem ein Großteil des Materials und auch einige Teilnehmer zum Nordostsattel gebracht worden waren, fiel das Flugzeug wegen Motorschadens für einige Wochen aus. Die Mannschaft wurde dadurch in mehrere Gruppen getrennt, das erleichterte die Arbeit des systematischen Lageraufbaus nicht gerade.

Kurz nach ihrem neuerlichen Einsatz stürzte die Pilatus beim Start am Dapa Col ab, den Piloten passierte nichts, aber sie mussten den Rückweg in die Zivilisation zu Fuß antreten. Dem Erfolg tat das Missgeschick aber keinen Abbruch, auch weil die Aufstiegsroute nach dem Vorbild der 1959 knapp unter dem Gipfel gescheiterten Expedition der Österreicher unter Fritz Morawec wieder über den Nordostsporn gewählt wurde.

In der Erinnerung von Kurt Diemberger werden während des Gesprächs in seinem mit Büchern, Bildern und Erinnerungsstücken gefüllten Wohn- und Arbeitszimmer die Wochen am Dhaulagiri wieder lebendig: "Wir waren dreizehn Teilnehmer, es war der dreizehnte Achttausender, der erstbestiegen wurde, und wir erreichten den Gipfel am 13. Mai. In meinen Büchern habe ich immer geschrieben: Dhaulagiri mit der Glückszahl 13. Wir hatten unsere Schwierigkeiten, aber wir haben immer zusammengehalten. Ich denke gerne an diese Expedition zurück."

Die Erinnerungen des 1932 in Villach geborenen Extrembergsteigers an die Broad-Peak-Expedition 1957 sind wesentlich unerfreulicher. Das kleine Team mit Hermann Buhl, Kurt Diemberger, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller ist bald zerstritten, da es mit Schmuck einen Expeditionsleiter und mit Buhl einen bergsteigerischen Leiter gibt. Beim ersten Gipfelversuch erreichen sie nur den Vorgipfel und stellen fest, dass es noch eine höhere, an diesem Tag aber nicht mehr erreichbare Erhebung gibt. Die zweite Besteigung ist aber erfolgreich für alle vier Teilnehmer. Kurt Diemberger erreicht mit seinem Seilgefährten Hermann Buhl im Licht der letzten Abendsonne den Gipfel des Broad Peak, Buhls zweite Erstbesteigung eines Achttausenders nach dem Nanga Parbat.

Die Tragödien

Wenige Wochen später ist Diemberger beim Abstieg von der Chogolisa im Karakorum der letzte Mensch, der Buhl lebend sieht, kurz bevor dieser an einer Wechte abstürzt. "Wir sind im Abstand von zehn Metern nichtangeseilt gegangen. Auf einmal hat alles gezittert, und ich bin nach rechts in den Hang gesprungen. Zuerst habe ich nicht gewusst, was los ist, und habe Hermann gerufen. Später habe ich hinter mir die Spur zum Wechtenrand gesehen, und in diesem Moment war es traurige Gewissheit, dass der Hermann abgestürzt ist," erzählt Diemberger über das tragische Ereignis.

Über ein anderes Ereignis, die Tragödie am K 2, spricht der Bergsteiger, vielfache Buchautor und Filmemacher, auch heute noch nicht gerne. In den 70er-Jahren bestieg er einige weitere Achttausender wie den Mount Everest oder den Makalu und arbeitete als professioneller Kameramann auf den höchsten Bergen der Welt. Im Zuge dieser Arbeit lernte er die englische Extrembergsteigerin Julie Tullis kennen.

Sie gründeten gemeinsam das "höchste Filmteam der Welt" . Magischer Anziehungspunkt war für die beiden der K 2. In den Augen Diembergers, des leidenschaftlichen Kristallsuchers, ist der Karakorum-Riese der schönste Berg der Welt, und zwar wegen seiner ebenmäßigen Form, gleich einem überdimensionalen Kristall.

Nach mehreren gescheiterten Versuchen Anfang der 80er-Jahre erreichen die beiden mit anderen Bergsteigern im Sommer 1986 den Gipfel, werden aber beim Abstieg von Schlechtwetter und tagelangen Stürmen auf achttausend Metern gefangen gehalten. Julie Tullis und vier weitere Bergsteiger finden dabei den Tod. 

Die Leidenschaft

Kurt Diemberger, der in Salzburg und Italien lebt, geht noch heute gern zu den hohen Bergen der Welt, mittlerweile nicht mehr ganz hinauf, aber er versteht die Leidenschaft der nachkommenden Generationen für die Achttausender. Auch wenn er die aktuelle Hysterie um die erste Frau auf allen 14 nicht ganz teilen kann: "Ich habe nie einen Sinn in der Besteigung aller Achttausender gesehen. Da gehe ich lieber ins einsame Shaksam-Tal oder auf unbekannte Sechstausender und Siebentausender. Das Entdecken sollte den Bergsteigern immer die Hauptsache bleiben. Aber es gibt halt Kristallsammler, Briefmarkensammler und Achttausendersammler. Und jeder sollte seine Freude daran haben." (Martin Grabner, DER STANDARD, Printausgabe, 11. Mai 2010)

  • 13. Mai 1960: Der in Kärnten geborene Wahl-Salzburger Kurt Diemberger
 und der Schweizer Albin Schelbert auf dem Gipfel des  8167 
Meter hohen Dhaulagiri.
    foto: diemberger

    13. Mai 1960: Der in Kärnten geborene Wahl-Salzburger Kurt Diemberger und der Schweizer Albin Schelbert auf dem Gipfel des 8167 Meter hohen Dhaulagiri.

  • Kurt Diemberger anno 2010 zu Hause ...
    foto: diemberger/grabner

    Kurt Diemberger anno 2010 zu Hause ...

  • und anno 1957 auf dem Broad Peak als 
von Hermann Buhl (li.) ernannter Expeditionsarzt. Ein Welthandelsstudium 
reichte Buhl  als Quali-fikation.
    foto: diemberger/grabner

    und anno 1957 auf dem Broad Peak als von Hermann Buhl (li.) ernannter Expeditionsarzt. Ein Welthandelsstudium reichte Buhl als Quali-fikation.

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    foto: diemberger
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