Hamid Karsai feiert Wiederauferstehung

10. Mai 2010, 17:55
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Bei seinem Besuch in Washington erweisen die USA dem afghanischen Präsidenten die Reverenz

Vor kurzem wollte ihn Präsident Obama noch loswerden, jetzt soll die neue Afghanistan-Strategie nicht gefährdet werden.

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Barack Obama nimmt sich drei Stunden Zeit für ein Vier-Augen-Gespräch, Hillary Clinton diskutiert mit dem Gast vor Studenten, schließlich lädt Joe Biden zum Galadiner in seiner Villa auf den grünen Hügeln über der Stadt. Washington fährt alles auf, was es zu bieten hat. Die Ironie der Geschichte: Die Girlanden gelten einem Mann, der eigentlich schon abgestempelt war. Hamid Karsai, der Präsident Afghanistans, feiert am Potomac so etwas wie seine Auferstehung. Das Weiße Haus wäre ihn gern losgeworden, nun sieht es ein, dass es ohne den alten Fuchs eben doch nicht geht.

Dass Karsai kein Wunschpartner ist, machte Obama anfangs in aller Deutlichkeit klar. George W. Bush hatte den "lieben Hamid" noch zum orientalischen Musterdemokraten verklärt. Wöchentlich parlierte er mit ihm via Videoschaltung, meist so kumpelhaft wie mit einem alten Freund. Sein Nachfolger strich das Ritual, und auch die Wiederwahl Karsais, heftig umstritten angesichts des Verdachts auf massive Fälschung, hätte er im August am liebsten verhindert. Als der US-Botschafter in Kabul im November ein vertrauliches Memorandum durchsickern ließ, war die Talsohle erreicht. Karsai sei kein "adäquater strategischer Partner" , schrieb Karl Eikenberry und brachte auf den Punkt, was Obamas Team von dem ebenso korrupten wie unberechenbaren Verbündeten hielt.

Als Symbol maßloser Vetternwirtschaft gilt Karsais Halbbruder Ahmed Wali, der in Kandahar wie ein Lokalfürst residiert und offenbar tief verstrickt ist in den Drogenschmuggel. Lange drängten die USA darauf, ihm seine Machtbasis zu entziehen. Jetzt reicht ihnen das Versprechen, dass Karsai seinen Bruder an der kurzen Leine hält. Kontrollieren lässt sich das nicht, es geht wohl nur darum, das Gesicht zu wahren.

Jedenfalls folgt der öffentlichen Schelte der vergangenen Monate eine Offensive des Lächelns, das Buhlen um die Gunst eines Politikers, der zwar kein Wunschpartner ist, zu dem es aber keine vernünftige Alternative zu geben scheint. Folgt man der Washington Post, dann hat Obama sein Team strikt angewiesen, sämtliche Sticheleien zu lassen. Vielleicht liegt es an der Angst, den unzuverlässigen Alliierten ganz zu verlieren. Vor ein paar Wochen hat Karsai damit gedroht, dass er sich notfalls auch den Taliban anschließen könnte. Falls es bloß ein Bluff war, dann zeigte er trotzdem Wirkung. Selbst ein alter Hase wie Richard Holbrooke, Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan, bekannt als Freund klarer Worte, schlägt heute auffallend leise Töne an. "Ja, Korruption ist ein Problem, aber Karsai arbeitet daran, es in den Griff zu kriegen."

Die Differenzen treten in den Hintergrund, während das Weiße Haus auf den Erfolg seiner Doppelstrategie hofft, einer Mischung aus militärischem Druck und Lockangeboten. Um 30.000 Soldaten verstärkt, versucht das US-Kontingent, die Kontrolle über Teile der Südprovinz Helmand zu gewinnen. Im Sommer will Kommandeur Stanley McChrystal zur Offensive auf Kandahar blasen, der Hochburg der Taliban. Solche Vorstöße sollen die Fußsoldaten dazu bringen, die Waffen niederzulegen. Wer kapituliert, soll einen Job bekommen, etwa beim Straßenbau oder beim Anlegen von Bewässerungsprojekten.

Ein Friedensplan Karsais, am Wochenende auszugsweise publik geworden, geht noch einen Schritt weiter. Der Führung der Taliban wird demnach freies Geleit ins Exil angeboten, während sich die zweite Reihe in politischen Parteien organisieren darf, vorausgesetzt, sie kappt die Bande zu Terrorgruppen wie Al-Kaida. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 11.5.2010)

 

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    US-Soldaten im Afghanistan-Einsatz. Um Erfolg zu haben, brauchen sie die Unterstützung Karsais in Kabul, auch wenn dieser im Geruch der Korruption steht.

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