Kulturgeschichte der Gier

10. Mai 2010, 17:55
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Sebastian Weigle und Vera Nemirova starten den neuen Frankfurter "Ring des Nibelungen" mit einem musikalisch und szenisch fulminanten "Rheingold"

An der Oper Frankfurt mit Blick auf das drohende Jubeljahr 2013 einen Ring zu machen, heißt auch, gegen die Vorgängerlegenden anzutreten. Vor allem gegen den Berghaus/Gielen-Ring vor 25 Jahren, der für die Glanzzeit der Oper in der deutschen Bankenmetropole steht, aber auch gegen den Ring von Wernicke/Cambreling, der Mitte der 1990er-Jahre von Brüssel übernommen wurde.

Der Frankfurter Intendant Bernd Loebe hat denn auch lange damit gewartet und ließ seinen Generalmusikdirektor Sebastian Weigle zuerst Bayreuth-Erfahrungen (mit Katharina Wagners Meistersingern) sammeln. Vera Nemirovas Wagner-Tauglichkeit wiederum probierte er vorher mit einem Tannhäuser aus. Die paar Buhs am Ende schallten möglicherweise aus Österreich herüber: als verspätete, allerdings deplatzierte Fußnote zu Nemirovas ausgebuhter Macbeth-Inszenierung in Wien. Denn was die gebürtige Bulgarin in Frankfurt ablieferte, war mit den überwiegenden Bravi wesentlich besser getroffen. Vor allem, weil Nemirova sich mit ihrer überraschend klaren Interpretation jeder modisch vordergründigen Politisierung enthielt.

Scheibe mit Weltbedeutung

Dennoch traf sie das Exemplarische der ins Mythische verlagerten Kulturgeschichte der menschlichen Gier und erzählte sie als eine packende Geschichte von heute. Dafür wischte sie mit radikalem Schwung alle Schichten der Rezeptionsgeschichte vom Tisch - oder besser gesagt von Wieland Wagners Neubayreuther Scheibe. Denn an diese erinnerte Jens Kilians ziemlich vitales Drehbühnen-Schmuckstück wohl bewusst. Um eine kreisrunde Mitte, aus dem das Rheingold gestohlen wird und aus dem auch Erda mit ihren drei Nornenmädels auftaucht, sind vier einzeln bewegliche Ringe gelagert. Für die Schauplätze des Rheingold funktioniert die Flächen-Raum-Dynamik hervorragend.

In diese Scheibe mit Weltbedeutung schwebt Halbgott Loge von oben ein und verschwindet auch wieder dorthin. Doch während der betrogene Alberich traurig am Rand sitzen bleibt und die Götter als Schatten ihrer selbst die Rampe entlangwanken, sind die Sänger dem Regenbogenwegweiser in den Zuschauerraum gefolgt und prosten sich zu. Ihr Walhall ist unser Theater, und ihr Geschäft geht uns an.

Die Geschichte von Gangstern im Smoking, die wie Alberich seinen ungebetenen Gästen und Kidnappern Wotan und Loge erst einen Drink anbieten und mit ihrem Reichtum protzen, bevor sie sich physisch oder gesellschaftlich kaltmachen, ist mühelos in die Gegenwart zu verlängern. Kurt Streit dürfte momentan der Loge mit dem größten darstellerischen und stimmlichen Sexappeal sein.

Überhaupt die Sänger: Es ist ein Markenzeichen der Oper Frankfurt, dass man dort auf die üblichen herbeigejetteten Stars verzichtet, stattdessen ein Ensemble von ausgesucht hohem Niveau aufbietet. Angefangen beim kraftvoll noblen Wotan von Terje Stensvold über die so markante wie leichte Fricka von Martina Dicke, die orakelnde Erda der Meredith Arwaday bis hin zum eloquenten Alberich von Jochen Schmeckenbecher.

Ein solches Ensemble ist ein Gütesiegel für ein Haus. Mehr "Rheingold" ist derzeit wohl nirgends zu haben. (Joachim Lange aus Frankfurt, DER STANDARD/Printausgabe, 11.05.2010)

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    foto: rittershaus
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