Chinas Fußball am Abgrund

10. Mai 2010, 17:54
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Korruption, verschobene Spiele und andere Skandale prägen das Bild der Liga

Der Fußball in China durchlebt in diesen und auch den vergangenen Tagen eine schwere Krise. Korruption, verschobene Spiele und andere Skandale prägen das Bild der Vergangenheit und Gegenwart des chinesischen Fußballs. Kein Wunder, dass die Nationalmannschaft nur auf Platz 97 der Welt dahindümpelt und sich nicht für die anstehende Weltmeisterschaft in Südafrika qualifizieren konnte. Die Gründe dafür liefert die Nachrichtenagentur Xinhua: "Das Niveau des chinesischen Fußballs ist aufgrund von Wetten, Spielabsprachen und bestochenen Schiedsrichtern in den vergangenen Jahren massiv gesunken."

Auch in dieser Saison wieder stand die Chinese Super League vor einer Zerreißprobe, als ein weiterer Bestechungsskandal mit vielen Beteiligten in hohen, wenn nicht den höchsten Funktionärspositionen, von der Polizei aufgedeckt wurde. Kurze Zeit stand die ganze Saison 2010/2011 auf der Kippe, man rang sich jedoch durch, den Start lediglich um eine Woche nach hinten auf den 27.März 2010 zu schieben, obwohl Verbandspräsident Wei Di dies anprangerte: „Wir können nicht viele Leute schützen, die gegen Bestimmungen und Gesetze verstoßen haben, nur damit die Liga weiterspielen kann. Wenn Klubs nicht mehr spielen dürfen, kann es in der Liga nicht weitergehen. Wenn wir den Fußball in China säubern wollen, müssen wir das ganze Krebsgeschwür herausschneiden".

Positionen in der Nationalmannschaft zu verkaufen!

Somit ist im Moment bereits der 7.Spieltag gespielt, Shanghai Shenua führt die Tabelle an und es sieht so aus, als wäre nichts passiert. Doch die Geschichte zeigt, dass dieses harmonische Bild sehr trügerisch zu sein scheint, da offensichtlich, anders als in europäischen Gefilden, Korruption nicht an Einzelpersonen festzumachen und somit schnell auszumerzen ist. Zu viele Spieler und Funktionäre sind willens, sich auf das illegale Geschäft einzulassen. Denn hier ist das große Geld zu machen und nicht mit dem im Vergleich zu europäischen Fußballergehaltsverhältnissen geringen chinesischen Spielersalär. Es wurde aufgedeckt, dass Nationalspieler ihre Einsätze in Spielen der Nationalmannschaft und Einladungen zu deren Trainingslagern erkaufen konnten. Diese Einsätze in wichtigen Spielen konnten durch ca. 200.000 Yuan, umgerechnet ca. 20.000 Euro erkauft werden. Für ein Trainingslager musste ebenso nur unwesentlich weniger hingeblättert werden. Dadurch können die Spieler ihren Marktwert steigern, weswegen ihnen lukrative Werbeverträge in Aussicht gestellt wurden. So wundert es keinen mehr, dass in den letzten Jahren immer wieder Spieler auflaufen durften, deren Nominierung nur äußerst schwierig zu legitimieren war.

Schon seit Jahren korrupt

Wann genau der chinesische Fußball diesen Negativtrend genau einschlug, kann nicht detailliert belegt werden, jedoch wunderte sich schon im Jahre 2003 der frühere deutsche Nationalspieler Jörg Albertz in Diensten von Shanghai Shenua, dass „es schon viele Dinge gab, die mir spanisch vorkamen. Da konnte was nicht stimmen, denn wir haben Tore kassiert, die eigentlich gar nicht möglich waren." In den weiteren Jahren wurden die Befürchtungen wahr und Beteiligungen von Funktionären, Spielern, Trainern und zuletzt auch Schiedsrichtern an Spielabsprachen und Korruptionsfällen aufgedeckt. Dies stürzte den chinesischen Fußball in eine tiefe Krise, die Zuschauer blieben den Stadien fern, Sponsoren sprangen ab und das Niveau sank drastisch. Zwar versucht man bis heute durch zahlreiche Festnahmen von Drahtziehern und intensiven Ermittlungen das Vertrauen in den Fußball wiederherzustellen, jedoch ist es ebenfalls bis heute nicht gelungen. Allein in den letzten 3 Monaten wurden über 30 Personen in entscheidenden Positionen festgenommen, darunter auch der chinesische Verbandschef Nan Yong.

Kein Fußball im Fernsehen

Als Folge der neuerlichen Korruptionswelle hat der staatliche Fernsehsender CCTV5, der 85% aller Sportübertragungsrechte in China besitzt, beschlossen, Spiele der chinesischen Nationalmannschaft zukünftig nicht mehr live zu zeigen und auch nicht in den Nachrichten zu erwähnen. Der Staat in Form von CCTV5 sieht sich also ebenfalls in der Verantwortung, dieser Problematik Herr zu werden.

Kein Ende in Sicht

Letztendlich wird es schwierig werden, die chinesische Liga in den nächsten Jahren im eigenen Land und erst recht international zu etablieren. Zu groß ist die Wettleidenschaft der Chinesen, auf deren Markt ca. 60% aller eingesetzten Wetten weltweit platziert werden. Dies macht es natürlich schwierig, die Bevölkerung bzw. Beteiligte von illegalen Wettbetrieben fernzuhalten. Ebenso muss die erst eingeführte Professionalisierung des Fußballs dazu führen, dass Spieler, Trainer und weitere Beteiligte am Fußballzirkus so entlohnt werden, dass sie sich nicht nach sekundären Einnahmequellen umsehen müssen und damit gegebenenfalls auf die schiefe Bahn geraten. Solange die Probleme nicht gelöst wurden, werden die ganzen Verhaftungen keinen Erfolg einbringen, da die schwarzen Schafe schon in zweiter Reihe zur Nachfolge bereit stehen. So trifft die chinesische Zeitung „Beijing Star Daily" den Nagel auf den Kopf, indem sie verlauten lässt: «Früher waren Spieler und Schiedsrichter unsicher, was ihren Beruf anging, und wussten nicht, wie sie Geld machen sollten - heute wissen sie es." (Von Daniel Forstner)

Autor: Daniel Forstner und andere Studierende der Institute für Publizistik und Kommunikationswissenschaft von den Universitäten Wien und Salzburg absolvieren an der Fudan University in Shanghai ein Austauschsemester. Im Rahmen der Expo in Shanghai schreiben sie regelmäßig für derStandard.at.

  • Korruption, verschobene Spiele und andere Skandale prägen das Bild der Liga.
    foto: daniel forstner

    Korruption, verschobene Spiele und andere Skandale prägen das Bild der Liga.

  • Schwere Zeiten für Chinas Kicker.
    foto: daniel forstner

    Schwere Zeiten für Chinas Kicker.

  • Der Stolz von Shenhua!
    foto: daniel forstner

    Der Stolz von Shenhua!

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