Die Zukunft der "zweiten Generation“

Blog10. Mai 2010, 15:39
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Migrantenkinder sind oft die Verlierer in unserem stark selektierenden Bildungssystem. Schule und Eltern müssen zusammenarbeiten

Das stark selektierende österreichische Bildungssystem erschwert den sozialen Aufstieg. Dass der Zugang zur (Hochschul)Bildung bei uns stark von der sozialen Herkunft abhängig ist, belegt eine OECD-Studie. Und auch die PISA-Studien verdeutlichen, dass es dem österreichischen Bildungssystem nicht ausreichend gelingt, allen SchülerInnen gleiche Chancen zu bieten. Laut PISA 2006 zeichnet sich Österreich in allen Leistungsbereichen durch besonders große Diskrepanzen zwischen Einheimischen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus. Ähnliche Ergebnisse gab es in Deutschland und der Schweiz. Zum Teil ist dieser Umstand durch die Struktur der MigrantInnengruppen zu erklären: GastarbeiterInnen und ihre Nachkommen sind unter den MigrantInnen in diesen Ländern in der Mehrzahl.

Wer ist schuld daran, dass die zweite Generation der Gastarbeiterkinder häufig schlechte schulische Leistungen vorweist, niedrigere Schulabschlüsse schafft und von der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit vermehrt betroffen ist? Lange Zeit hat man sich in Österreich der Illusion hingegeben, dass sowohl die GastarbeiterInnen als auch deren Kinder irgendwann wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Auch viele Gastarbeiterfamilien erlagen dieser Illusion. Um auch hier den inflationär verwendeten Begriff der "bildungsfernen Schichten" zu strapazieren: Kinder aus Arbeiterfamilien bekamen zudem, aus unterschiedlichen Gründen, oft nur wenig Unterstützung aus den Elternhäusern. In ihren Muttersprachen erlangten sie nur rudimentäre Kenntnisse und beim Erlernen der deutschen Sprache bekamen sie wenig Unterstützung – sowohl von ihren Eltern als auch in der Schule. Eine frühe, leistungsorientierte Auslese erschwerte zudem den Bildungsaufstieg. Entlarvend ist auch der Umstand, dass Migrantenkinder, die ihre gesamte Schullaufbahn in Österreich absolvieren, in der Regel schlechter abschneiden, als jene, die auch Schulen in den Herkunftsländern besucht haben.

Wie kann man also die Vererbung der Bildungsarmut verhindern? Neben der möglichst frühen Förderung beider Sprachen, sind das Einbinden der Eltern und engagierte Elternorganisationen, wie man sie zum Beispiel bei den spanischen Einwanderern in Deutschland kennt, dringend notwendige Maßnahmen. Von den Schulen hört man unterdessen oft die Beschwerde, dass „es sehr schwer sei, die Eltern zu erreichen". MigrantInnen kämen selten zu den Elternsprechtagen und würde oft wenig Interesse am Schulerfolg ihrer Kinder zeigen. Als Gründe dafür werden die mangelnden Sprachkenntnisse der Eltern angegeben sowie die Tatsache, dass die Eltern oft nicht ausreichend mit dem österreichischen Schulsystem vertraut sind und glauben, dass Partizipation ihrerseits gar nicht erwünscht ist.

Eine zugegebenermaßen vereinfachte Antwort auf die komplexe Problematik, aber einen ersten Schritt in die richtige Richtung würden umfassende Informationsangebote, die die Integration der Eltern und SchülerInnen in das Bildungssystem erleichtern sollen, darstellen. Dazu bräuchte es natürlich auch zusätzliche Ressourcen an den Schulen, denn nur gut informierte und motivierte Eltern können ihre Kinder besser begleiten und unterstützen. Die Förderung und Unterstützung der Migrantenkinder ist somit eine Investition in die Zukunft, denn nur die gut Ausgebildeten werden am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft ankommen. Von der Idee des arbeitenden Gastes haben wir uns längst verabschiedet – denn sie sind gekommen um zu bleiben. (Olivera Stajic, 10. Mai 2010, daStandard.at)

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