Das Tor, die Regel und ihre Auslegungen

10. Mai 2010, 11:39
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Dem Regelwerk nach war Salzburgs nicht gegebenes Tor gegen die Austria irregulär. Die Salzburger sind anderer Meinung

Wien/Salzburg - Andreas Feichtinger, so viel lässt sich behaupten, hat Mut bewiesen am Sonntag vor 22.200 Zusehern in der Nachspielzeit des Liga-Heulers zwischen Red Bull Salzburg und der Wiener Austria. Ob der 27-jährige Oberösterreicher in seinem 26. Oberhauseinsatz als Schiedsrichterassistent (seit Sommer 2008) auch Regelkenntnis bewiesen hat, darüber wird gestritten.

"In der Fifa-Spielregel 11 ist alles genau festgehalten. Es war auf Abseits zu entscheiden" , sagt Fritz Stuchlik über Feichtingers Anzeige anlässlich des nur vermeintlich meisterschaftsentscheidenden 1:1-Ausgleichstreffers durch den Salzburger Rabiu Afolabi. Sie sei erfolgt, als der davor bei Ballabgabe unstrittig in Abseitsposition stehende Somen Tchoyi mit dem folgenden Hochgehen zum Kopfball, den dann eben Afolabi erwischte, aktiv ins Spiel eingegriffen hatte.

Stuchlik, ehemaliger Fifa-Referee und seit seinem Karriereende im Vorjahr ("Ich habe also schon lange keinen Fehler mehr gemacht" ) im Fußballbund (ÖFB) für die Aus- und Weiterbildung der österreichischen Bundesliga-Schiedsrichter zuständig, zeigte auch Verständnis dafür, dass sich Hauptreferee Dietmar Drabek nach mehrmaligem Studium der Videobilder nicht sicher war. "Man muss sehen, was da nach der Partie los war, was da auf die Schiedsrichter einstürzt, was sie sich anhören müssen. Und außerdem werden ihnen diese Szenen nach dem Spiel meist nur auf kleinen Monitoren gezeigt."

Freilich weiß auch Drabek, was in Fifa-Spielregel 11 steht. Dort ist jedenfalls keine Schreibe von einem "passiven Abseits" . Dieser Begriff wird offiziell schon lange nicht mehr verwendet. Vielmehr steht, dass die Abseitsstellung eines Spielers an sich noch kein Vergehen darstelle. Sie werde nur bestraft, wenn der Spieler nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spiel teilnimmt, indem er ins Spiel eingreift, einen Gegner beeinflusst, aus seiner Position einen Vorteil zieht. "Wäre Tchoyi geblieben, wo er zum Zeitpunkt des Abspiels war, wäre es selbstverständlich kein Abseits gewesen" , sagt Stuchlik.

Das recht dürre Regelwerk wird bei Fortbildungen durch interne Auslegungsempfehlungen und Fallbeispiele aufgepeppt, "aber grundsätzlich sollen innerhalb der Regeln möglichst viele Tore erzielt werden können" .

In Salzburg wird u. a. mit einer ergänzenden Erläuterung des ÖFB zu den Spielregeln argumentiert. In Punkt 4.4 zur Spielregel 11 heißt es, dass die Assistenten eine Abseitsposition nur anzeigen dürfen, wenn der betreffende Spieler damit eine Regelübertretung begeht. Voreilige Anzeigen seien zu unterlassen. Feichtinger habe aber schon gewachelt, ehe Tchoyi aktiv ins Geschehen eingriff.

Im Übrigen ist man beim Meister aber um Verarbeitung bemüht. "Das muss schnell aus den Köpfen raus" , fordert Coach Huub Stevens. Schließlich hat es Salzburg mit einem Sieg bei Sturm Graz selbst in der Hand, den Titel zu verteidigen. Selbst Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer, der den Oberösterreicher Drabek in erster Emotion einen "Wiener Schiedsrichter" nannte, spielt flach: "Wenn wir es nicht packen, dann haben wir dreimal in Folge nicht gewonnen, dann brauchen wir nicht lamentieren."(Sigi Lützow, DER STANDARD, Printausgabe, 11. 5. 2010)

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    Huub Stevens muss um den Meistertitel weiter zittern.

  • Afolabi (li.) gewinnt das Kopfballduell gegen Ortlechner, der auch von Schiemer bedrängt wird. Tchoyi, auf Diabang gestützt, hat die Kugel nach seiner Abseitsstellung noch fast erwischt.
    foto: gepa

    Afolabi (li.) gewinnt das Kopfballduell gegen Ortlechner, der auch von Schiemer bedrängt wird. Tchoyi, auf Diabang gestützt, hat die Kugel nach seiner Abseitsstellung noch fast erwischt.

  • (Video aufgenommen und zur Verfügung gestellt von den Hornets 06)

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