Langsame Entfesselung der Qualität

9. Mai 2010, 19:52
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Die Philharmoniker mit Daniele Gatti im Musikverein

Wien - Da auch heuer nicht genau zu sagen ist, wann denn tatsächlich der Startschuss zu den Wiener Festwoche fällt, ist vielleicht die Formulierung angebracht, sie hätten am Sonntag - einige Tage vor ihrer Eröffnung am Rathausplatz - im Musikverein mit den Wiener Philharmonikern begonnen. Und dies sehr ordentlich, wenn man quasi den Durchschnitt aus den Qualitäten der einzelnen Werkabteilungen "errechnet".

Zwei Sätze der 5. Symphonie von Gustav Mahler lang präsentierte Daniele Gatti, nachdem man sich mit Schumanns Manfred- Ouvertüre aufgewärmt hatte, einen Mix aus Bombast, wattiger Streicherkantilene, behäbigen diskreten Passagen - und zu vermissen waren Doppelbödigkeit der Aussagen und Ambivalenz der Klänge. Im Grunde tönte es wie eine durch Expressivität unterbrochene Folge von ariosen Gesängen bei keinesfalls flotten Tempi, ohne dass etwas Hintergründiges zum Vorschein gekommen wäre.

Dies war umso erstaunlicher, als Gatti zweifellos über jene Impulsivität und Moderneaffinität verfügt, die nötig sind, um abseits von Unverbindlichkeit zu intensiven wie komplexen Ergebnissen zu gelangen. Es musste jedoch schon der 3. Satz abgewartet werden, um das Aufblitzen schillernder Momenten zu erleben.

Und danach wurde es richtig exquisit: Das Adagietto geriet zur Oase glühender philharmonischer Klangkultur und dirigentischer Sinnorganisation. Der 5. Satz schließlich erbrachte ein differenziertes und gleichzeitig ausgelassenes Spiel der Motive; effektvoll entfesselt von Gatti, der bei den Festwochen übrigens auch die Premiere von Alban Bergs Lulu (ab 11. Juni, Theater an der Wien) dirigieren wird. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.5.2010)

 

Wiener Philharmoniker im Musikverein: 10. und 11. 5 (19.30); 15. 5. (15.30) und 16. 5. (11.00)

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