Authentischer Brite mit vielen Kompromissen

9. Mai 2010, 19:05
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LibDem-Chef Nick Clegg hat die Rolle des Königsmachers

Ob er jetzt zu den Verhandlungen mit dem konservativen Parteichef über die nächste britische Regierung aufbreche, wurde Nick Clegg am Ende eines öffentlichen Auftritts am Wochenende gefragt. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: "Jetzt esse ich erstmal meinen Apfel", sprach der Vorsitzende der britischen Liberaldemokraten, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Partei-Hauptquartier.

Für einen Spitzenpolitiker im Mutterland von Doppelzüngigkeit und flotten Werbeparolen hat sich Clegg (43) ein erfrischendes Maß an Authentizität erhalten. Das war es, was ihn in der ersten TV-Debatte Mitte April zur Sensation machte und die Umfrage-Werte für seine Partei um zehn Prozent in die Höhe schnellen ließ. "Cleggmania" bescherte den LibDems zwei Wochen lang Hoch- und Zustimmung. Gegen Ende des Wahlkampfes machten sich die besser finanzierten, gut geölten Apparate der beiden großen Parteien bemerkbar.

Noch vor sechs Wochen wäre ein Nettoverlust von fünf Mandaten bei geringfügigem Stimmenzuwachs als schöner Erfolg bewertet worden. Aber Clegg ist keiner, der zu beschönigen versucht. Das Ergebnis sei "eine Enttäuschung", sagte er am Freitag.

Ironischerweise haben die Wähler ihm gleichzeitig die schwierige Rolle des Königsmachers zugedacht. Für die rasanten Verhandlungen des Wochenendes war Nicholas William Peter Clegg womöglich besser vorbereitet als die meisten britischen Politiker, dafür sorgen schon Herkunft und Familienleben: Der Sohn eines Bankiers russischer Herkunft und einer holländischen Mutter wuchs mit drei Geschwistern auf, genoss eine glänzende Schulbildung und spricht fünf Sprachen, darunter auch fließend Deutsch.

Auch in der Ehe mit einer spanischen Rechtsanwältin ist er an unterschiedliche Identitäten gewöhnt; die drei gemeinsamen Söhne tragen spanische Namen und werden katholisch erzogen, obwohl Clegg selbst einem BBC-Interviewer anvertraute, er glaube nicht an Gott.

Noch vor wenigen Wochen wehrte der Liberale alle Fragen nach seinem Einzug ins Kabinett ab: "So denke ich nicht." Nun müssen er und seine Parteifreunde erstmals seit 35 Jahren sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob und in welcher Form sie die Macht teilen und ausüben wollen. In seiner idealistisch geprägten Mittelschichts-Partei schrecken viele davor zurück. Wenn nicht alles täuscht, zählt Clegg selbst nicht dazu. ( Sebastian Borger/DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2010)

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