Siegesfeier ohne Stalin

9. Mai 2010, 18:57
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Im modernisierten Russland sollte Platz für eine offene Aufarbeitung der dunklen Flecken der Geschichte sein - Von Verena Diethelm

Es war ein ungewöhnlicher Anblick. Anlässlich des 65. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland marschierten erstmals auch Soldaten der Nato-Mächte Großbritannien, USA und Frankreich über den Roten Platz in Moskau. Die von den Kommunisten heftig kritisierte Teilnahme der Alliierten an der Militärparade ist nur eine der Versöhnungsgesten, die der russische Präsident Dmitri Medwedew in den vergangenen Tagen gesetzt hat.

Medwedew kündigte die Veröffentlichung bislang nicht zugänglicher Geheimakten über die Massenrepressalien unter Josef Stalin an und distanzierte sich anders als sein Vorgänger mit sehr klaren Worten vom Stalin-Kult. Der Präsident nannte Stalin einen Diktator, der "unverzeihliche Verbrechen am eigenen Volk begangen" habe.

Trotzdem ist der Huldigung Stalins als Kriegsgewinner in Russland nur schwer beizukommen. So tauchten in einigen Provinzstädten Stalin-Porträts auf, und in St. Petersburg drehte ein Autobus mit dem Konterfei des Diktators die Runden. Auf Kritik über den Umgang mit der eigenen Geschichte reagiert man in Russland dünnhäutig. Schnell wird der Vorwurf der "Geschichtsfälschung" laut.

Dabei stellt niemand die Verdienste der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus infrage. In dem von Medwedew propagierten modernisierten Russland sollte aber nicht nur Platz für Siegesfeiern sein, sondern auch für eine offene Aufarbeitung der dunklen Flecken der Geschichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2010)

 

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