Der Haushalt saniert, die Wirtschaft demoliert

9. Mai 2010, 18:10
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In Griechenland wächst die Angst vor einer jahrelangen Rezession und hoher Arbeitslosigkeit. Die große Hoffnung sind Touristen

Der Eisverkäufer Theodorosro Panagiotopoylos hat die Nase voll. Deswegen bleibt sein Laden an diesem Nachmittag trotz des schwülen Wetters zu. Panagiotopoylos will heute kein Eis verkaufen, er will kämpfen.

Er ist nach Athen gereist, um mit zehntausenden anderen vor das Parlament zu marschieren, um das neue Sparpaket zu verhindern. Griechenland ist pleite und muss Ausgaben kürzen, das sieht der Eisverkäufer ein. Aber die Einsparungen treffen die Falschen, sagt er. "Sie streichen unsere Pensionen und kürzen unsere Löhne. Wie soll Griechenland wieder wachsen?" Wer soll noch Eis kaufen, wenn keiner Geld hat?

Panagiotopoylos ist mit seiner Angst nicht allein. Während im Rest Europas über Sinnhaftigkeit der Hilfe für Athen und den Euro diskutiert wird, wächst in Griechenland die Furcht vor einer nicht enden wollenden Rezession.

Die Euroländer und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben Athen einen strikten Sparkurs diktiert. Das Land soll in den kommenden Jahren eine interne Abwertung durchlaufen. Der Staat kürzt Beamtengehälter und Pensionen, um zu sparen. Damit soll gleichzeitig ein Abwärtstrend bei den Lohnkosten im Privatsektor ausgelöst werden. Haben die Menschen weniger Geld, geht der Konsum zurück; und das ist sogar erklärtes Ziel des EU/IWF-Programmes.

Die Griechen importieren weit mehr, als sie exportieren, ihr Leistungsbilanzdefizit liegt bei elf Prozent der Wirtschaftsleistung. Wer weniger Geld hat, spart zunächst bei Importgütern, so die Theorie.

Doch das Konzept ist umstritten. Zunächst einmal, weil die Wirtschaft zum Zwecke der Bugdetsanierung abgewürgt wird. Aber auch deswegen, weil nicht klar ist, woher das Wachstum in Zukunft kommen soll. IWF und EU argumentieren, dass Griechenland international wettbewerbsfähiger wird, wenn es billiger ist. Doch ein Blick hinter die Chiffre "wettbewerbsfähig" offenbart neue Unklarheiten.

Das Kernproblem ist, dass Griechenland über keine nennenswerte Exportwirtschaft verfügt. 35 Prozent der Ausfuhren sind landwirtschaftliche Produkte, auch industriell verarbeitete Produkte sind oft Lebensmittel. Im Ägäis-Staat werden keine Pkws hergestellt, es gibt keine großen Maschinenbauer. Wertvollstes Unternehmen an der Börse ist der lokale Coca-Cola-Produzent. Wenig Spielraum also für Wachstum über Exporte. "Die Verbilligungsstrategie ist trotzdem richtig", sagt George Pagoulatos von der Wirtschafts-Uni Athen.

Neues Florida Europas

Denn in den vergangenen zehn Jahren lag die Teuerungsrate in Griechenland in jedem Monat über den Raten der anderen Eurostaaten, die Preise für Waren und Dienstleistungen seien daher astronomisch hoch. Die höhere Wettbewerbsfähigkeit soll dazu dienen, mehr Touristen ins Land zu locken, sagt Pagoulatos. Aber selbst wenn hunderttausende neue Besucher kommen, wird das kaum reichen.

Pagoulatos schlägt daher vor, Griechenland in ein "neues Florida" umzuwandeln. "In den kommenden zehn Jahren wird es in Europa 50 Millionen neue Pensionisten geben, die müssen wir holen." Der griechische Staat sitzt auf Land im Wert von bis zu 300 Milliarden Euro, jede Menge Grundstücke für Rentner also.

Wegen angeblich mangelnder Alternativen fordern auch andere, denTourismus in neuen Bahnen zu forcieren. Der Chef der Athener Börse, Sypros Capralos, denkt an, Staatsländereien über Kapitalgesellschaften an die Börse zu bringen.

Allerdings sind Landverkäufe wegen strenger Umweltauflagen nur schwer umzusetzen, wendet der Abgeordnete der regierenden Pasok, Athanassios Alevras, ein. Von der Strategie des IWF ist er nicht überzeugt, niemand wisse, ob Wachstum wiederkehrt. Alevras spricht aber von einem alternativlosen Zustand. Die größte Angst des Abgeordneten ist, dass die Arbeitslosigkeit von bereits jetzt elf Prozent rasant ansteigt. Denn Griechenlands Wirtschaft soll bedingt durch den Sparkurs 2010 und selbst 2011 noch schrumpfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2010)

  • 300 Sonnentage, mehr als 15.000 Kilometer Küste:Griechenland will
künftig mehr Touristen ins Land locken, auch weil es mangels
Alternativen ansonsten wenigWachstumspotenzial gibt.
    foto: epa

    300 Sonnentage, mehr als 15.000 Kilometer Küste:Griechenland will künftig mehr Touristen ins Land locken, auch weil es mangels Alternativen ansonsten wenigWachstumspotenzial gibt.

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