Geboren im Angesicht des Todes

9. Mai 2010, 17:04
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Das Gedenken an Millionen Kinder und Jugendliche, die von den Nazis ermordet wurden, stand im Zentrum der internationalen Befreiungsfeier

Mauthausen - "Spüren Sie diese Kälte?" Hana Berger-Moran blickt die hohen Steinmauern entlang. Tatsächlich zittert die Kalifornierin. Auch wenn die Mai-Sonne an diesem Sonntag bereits am Vormittag kräftig strahlt, für die 65-Jährige sind in diesem Moment "die Schatten" zu groß, um die Wärme zu spüren. Es ist der Ort, an dem das Leben von Hana Berger-Moran begann - und nur durch Glück nicht gleich wieder endete. Es ist das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen.

Drei Wochen ist Hana Löwenbein alt, als sie gemeinsam mit ihrer tschechischen Mutter Priska Löwenbein nach Mauthausen kommt. "Geboren hat mich meine Mutter am 12. April 1945 in einer Baracke im KZ Freiberg", erzählt Berger-Moran im Gespräch mit dem Standard. Bereits am 14. April müssen sich Mutter und Tochter einem der berüchtigten "Todesmärsche" anschließen: "Wir waren 17 Tage unterwegs." Das Ziel der insgesamt 2200 weiblichen Häftlinge aus Freiberg heißt Mauthausen. Nur 120 Frauen erreichen am 29. April 1945 das Lager. Darunter Priska Löwenbein und ihre Tochter. "Beide waren wir schwer krank, ausgehungert. Eigentlich dem Tod geweiht", erinnert sich Berger-Moran an die Erzählungen ihrer Mutter. Doch das Ende des Krieges sichert das Leben.

Rettende Operation

Am 5. Mai wird eine Patrouille der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee auf das Lager in Mauthausen aufmerksam, zwei Tage später findet der damals 23-jährige Sanitäter LeRoy Petersohn die völlig entkräftete Mutter mit dem kranken Baby. "Eine Operation hat mir damals das Leben gerettet." Hana Berger-Moran ergreift bei diesen Worten die Hand des Mannes unmittelbar neben ihr. Es ist Brian Petersohn, Sohn des heute 87-jährigen LeRoy Petersohn. Man trifft sich alljährlich bei der großen Gedenkfeier am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Heuer standen die Feierlichkeiten ganz im Zeichen der Erinnerung an die tausenden Kinder und Jugendlichen, die im KZ Mauthausen Opfer des NS-Regimes wurden. Mit dem Vermächtnis der Überlebenden des KZ Mauthausen wandte sich der Präsident des Comité International de Mauthausen (CIM), Dusan Stefancic, an die Jugend Europas und der Welt: "Die Überlebenden der Konzentrationslager sind heute kaum mehr in der Lage, ihren Kampf gegen rechtsextremes Gedankengut fortzuführen. Sie werden daher ihr Vermächtnis und ihren Auftrag für eine offene und tolerante Gesellschaft an die europäische Jugend weitergeben. Sie muss sensibilisiert werden und muss die Möglichkeit haben, offen für eine demokratische und gegen eine rechtsextreme Gesellschaftsform einzutreten."

Der Repräsentantin des EU-Ratsvorsitzlandes, der spanischen Vizepräsidentin Maria Teresa Fernández de la Vega, wurde ein Memorandum an die EU übergeben, mit der Aufforderung, Maßnahmen gegen Rechtsextremismus in Europa zu ergreifen. Entlang der sogenannten "Todesstiege" enthüllten rund 1000 Jugendliche unter dem Motto "Zeichen setzen. Jugendliche gegen das Vergessen" ein 50 Meter langes Gedenkband.

Minister-Entschuldigung

Bereits am Samstag fand im ehemaligen KZ Ebensee eine Gedenkfeier statt - getrübt aber von den Erinnerungen an das Vorjahr. Jugendliche beschossen 2009 in den Stollenanlagen Teilnehmer der Gedenkfeier mit Softguns, hoben die rechte Hand und riefen "Heil Hitler!". Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) entschuldigte sich am Samstag für die Ereignisse: Man bemühe sich intensiv um pädagogische und faktische Maßnahmen, um solche Übergriffe für die Zukunft auszuschließen und die Jugend über die Geschehnisse des Nationalsozialismus noch besser aufzuklären. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2010)

 

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    Überlebende des KZ Mauthausen gemeinsam mit Jugendlichen bei der Gedenkfeier anlässlich des 65. Jahrestags der Befreiung durchamerikanische Truppen. Das Gedenken war diesmal den Kindern und Jugendlichen unter den Opfern gewidmet.

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