Mehrheitswahlrecht: Das britische Ergebnis und Österreich

9. Mai 2010, 17:24

Der Ausgang der britischen Wahlen sollte Diskussionen über unser Wahlsystem neu befeuern

Ein gewichtiger Teil der Kritiker des österreichischen Wahlrechts sieht in der Einführung des britischen Mehrheitssystems ein Allheilmittel zur Erlösung aus der Immobilität der großen Koalitionen.

Das britische Wahlergebnis lehrt uns das Gegenteil: Zwar gibt es höhere Chancen auf einen Machtwechsel, aber es ist ein bisschen so wie bei der Bundespräsidentenwahl. Wenn eine britische Partei keine gravierenden Fehler macht, bleibt sie am Ruder.

Die Regierungszeit des Blair-Nachfolgers Gordon Brown war so katastrophal, dass man bis vor wenigen Wochen mit einem Wahltriumph der Konservativen rechnete. Es kam anders. Die Tories siegten zwar, aber schafften keine "Absolute" an Mandaten. Bei einem "hung parliament" , also einem Unterhaus ohne absoluter Mehrheit einer Partei, kann der bisherige Regierungschef die Bildung eines Kabinetts versuchen. Brown ließ aber David Cameron den Vortritt. Weil die Liberaldemokraten trotz enttäuschender Ergebnisse sagen werden "Jetzt oder nie" , ist eine Koalitionsregierung in greifbare Nähe gerückt. Eher mit den Konservativen als mit Labour, denn eine links-liberale Konstruktion stünde auf äußerst dünnen Beinen.

Eine der Bedingungen der Liberalen wird die Lockerung des strengen Mehrheitswahlsystems sein - das heißt, die Schaffung einer Möglichkeit für kleinere Parteien, mehr Sitze im Unterhaus zu erringen. Aufgegeben wird das bisherige Wahlrecht mit Sicherheit nicht, denn Großbritannien hat nie eine durch Krieg oder Revolution erzwungene Abkehr von seinen politischen Traditionen erlebt.

Für Kontinentaleuropa und damit auch für Österreich wäre das ein klares Signal: Das Verhältniswahlrecht bleibt die dominante Methode. Ernsthaft diskutiert werden sollte über die Frage, wie man Wählertrends Richtung Mehrheitsbildung durch eine Wahlrechtsänderung forciert. Die mildesten Varianten:das deutsche oder das Südtiroler System. Am massivsten innerhalb des geschilderten Rahmens würde sich das ungarische System auswirken. Der große Nachteil: Wie man am Wahlsieg Viktor Orbáns gesehen hat, gibt das Mehrheitswahlrecht der Nachbarn einer einzigen Person so viel Macht in die Hand, dass überwunden geglaubte autoritäreTraditionen wieder aufleben können.

Erinnern wir uns nur an den jahrelang getrommelten Vorschlag Jörg Haiders, mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament die Verfassung zu ändern und die Ämter des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers zusammenzulegen. Das war der "starke Mann" .

Einen typisch österreichischen Versuch, eine Mini-Version der Präsidialdemokratie einzuführen, hat im Jahre 2000 der damalige Bundespräsident Thomas Klestil gestartet. Klestil, der in Hintergrundgesprächen manchmal vom "Kleinen da drüben" sprach, wollte Schwarz-Blau de facto unter Kuratel stellen.

Unter anderem hätte Wolfgang Schüssel (nach eigenem Bekunden in seinem Buch Offengelegt) wöchentlichen Bericht erstatten müssen. Die Personalfragen im Außen- und Heeresbereich hätte Klestil entschieden. Das wurde verhindert - und wäre wohl auch von Kritikern der Rechtswende aus demokratiepolitischen Gründen abzulehnen. Der Ausgang der britischen Wahlen sollte Diskussionen über unser Wahlsystem neu befeuern. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2010)

 

Kommentar posten
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Posten schadet der Gesundheit
00
10.5.2010, 19:17
ich bin sehr sicher

dass sich durch den wahlausgang in GB vll dort, aber doch nicht bei uns irgendeine änderung im wahlrecht eintreten wird.

Henry Flower
01
10.5.2010, 17:40
eine gewisse bereinigung

würde es ins österreichische system bringen, wenn wir uns von 10 auf einen gesetzgeber reduzieren würden.

wählerInnnen können nicht deswegen die konsequenzen ihrer wahlenscheidungen nicht spüren, weil ihre stimmen nicht richtig bewertet würden, sondern weil sie permanent von anderen stimmen in andere instanzen neutralisert werden.

frank franki
10
10.5.2010, 18:04

je stärker man zentralisiert, umso mehr geht der einfluss einzelner verloren.
die länder aufwerten, ihnen die steuerhoheit geben, kann ebenfalls dazu führen, dass die stimmen "richtig" gewertet werden.

rorschach
00
14.6.2010, 18:20
geh bitte recht hast! gebts den prölls, den niessls und

dörflers noch mehr macht ... und bauts in jede 5 Seelen Gemeinde ein Krankenhaus und machts aus den 35 Versicherungen 350 .....

frank franki
00
14.6.2010, 18:40

kein problem, solange die länder selber dafür zahlen müssen.
jetzt zahlt der bund die firlefanzen der länder. quasi ein freibrief zum geldverschwenden ohne verantwortung.

subsidiarität ist effektiver als zentralisierung

Nathaniel Winerib
00
10.5.2010, 15:11
britisches (!) Mehrheitswahlrecht

Gibt es nur ein Mehrheitswahlrecht der Welt? Gibt es außer dem britischen Mehrheitswahlrecht wirklich ausschließlich Verhältniswahlrechte?

Das britische Wahlrecht ist in der Tat nicht ohne Widersprüche: Bei der Wahl 2010 reichte ein Vorsprung von 36 (Cons) zu 29 (Lab) nicht. bei der Wahl 2005 reichte ein Vorsprung 35 (Lab) zu 32 (Cons) sehr wohl.

Ein konsequentes Mehrheitswahlrecht gibt der stärksten Partei die Mehrheit der Mandate. Der Rest kann dann proportional verteilt werden, wobei kleinen Parteien der Einzug ins Parlament erleichtert werden kann/soll (in UK reichte 2010 den Grünen ein einziges Prozent, um in das Unterhaus einzuziehen).

frank franki
00
10.5.2010, 22:01

diese konsequenz ist aber wenig demokratisch, da sie einer partei die absolute mehrheit ermöglicht, die nicht von den wählern legitimiert wurde.

interessanter sind die weiterentwicklungen dieses wahlrechtssystems, zb von Richard Seyfried.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mind... rundmodell

f l o
 
02
10.5.2010, 14:45
bevorzugung der radikalen

das problem beim verhältniswahlrecht ist, dass es zu radikalisierung neigt. innerhalb einer partei am rand des politischen spektrums setzen sich oft die allerradikalsten leute durch und werden ins parlament gespült. niemals käme ein ewald stadler durch persönlichkeitswahlrecht ins parlament.

in österreich werden dann radikale parteien gewählt, weil entweder die wähler gar nicht wissen, wie extrem die ansichten sind, die von manchen dort vertreten werden, oder weil sie als gelernte österreicher drauf vertrauen, dass die tatsächliche politik dann schon etwas weichgespült werden wird, im vergleich zu den markigen ankündigungen.

ob es demokratisch ist, wenn solch radikale meinungen dann im parlament überrepräsentiert sind, weiß ich nicht.

Wolf X
00
10.5.2010, 13:30
Und warum

wird dann in Britannien eine Abkehr vom Mehrheitswahlrecht diskutiert?

Die Wahrheit ist doch: Nützt es den Regierenden, wird's durchgesetzt. Aber ganz offensichtlich ist man sich bei den beiden großen österreichischen Parteien nicht einmal darüber einig, ob es ihnen hilft oder schadet.

lobo marunga
02
10.5.2010, 12:55

wichtiger als wahlarithmetik sind gebildete bürger welche sich eine differenzierte meinung aus verschiedenen quellen bilden können und an hand dieser abstimmen.
aber ob das unsere politiker auch wollen?

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
04
10.5.2010, 11:07
"denn Großbritannien hat nie eine durch Krieg oder Revolution erzwungene Abkehr von seinen politischen Traditionen erlebt"

Und Charles I. verstarb in hohem Alter, tief betrauert von seinen ergebenen Untertanen.

EquinoxOmega
02
10.5.2010, 11:32
genau dieser Satz

wurde mir einst in der Schule im Englischunterricht indoktriert, weil er dort auch so im Buch stand. Doch ein ernsthafter Blick auf die Geschichte der Insel zeigt, dass es Bürgerkriege, Unterdrückung, Revolutionen und Aufstände genug gab. Es ist nur ein Mythos der Zivilisiertheit, welchen die Engländern gern hochhalten, auch wenn er im Widerspruch zur realen Geschichte steht.

PegasusNbW
01
10.5.2010, 14:17
Man muss schon unterscheiden

Hier geht es um die Legislative und selbst die "Revolution" Cromwells und die "Kontrarevolution" Moncks war juristisch gesehen keine.

Der Grundgedanke der englischen Demokratie ist die Vorherrschaft des Parlaments, die sich in drei Punkten niederschlägt:
1. Das Parlament kann ein Gesetz zu jedem beliebigen Thema erlassen;
2. Kein Parlament kann ein zukünftiges binden (es kann also keine Ewigkeitsklausel analog zum dt. Grundgesetz beschließen)
3. Ein Gesetz kann vor keinem Gericht angefochten werden.

Die Monarchie wurde unter Cromwell durch den "Act declaring England to be a Commonwealth" abgeschafft und Charles II wurde vom Parlament eingeladen zurückzukommen.

Henry Flower
00
10.5.2010, 17:10
ihre thesen stimmen so aber nicht;

das parlament hat dauerhaft und nicht einseitig reversibel etwas von seiner macht abgegeben:
- im falle der unabhängigkeit irlands;
- an die regionalparlamente;
- an die EU.

gesetze können sehr wohl vor gerichten angefochten werden, es passiert ja dauernd, etwa vor dem europäischen menschenrechtsgerichtshof.

ein anderer fall ist der neu geschaffene supreme court, der die law lords abgelöst hat und sehr wohl entscheidungen treffen wird, die ein gesetz zugunsten eines anderen aushebelt (ohne das parlament um erlaubnis zu bitten).

das britische parlament ist de facto längst dort wo alle andere europäische parlamente sind, die "verfassung" die es bindet ist halt nur nicht in einem einzigen einband zum kaufen.

PegasusNbW
00
10.5.2010, 18:29
also

es gibt kein gesetz, das vorschreibt, dass das UK immer in der EU sein muss; es besteht rein theoretisch die möglichkeit, die regionalparlamente wieder aufzuheben (auch wenn es definitiv zu unruhen kommen würde). und es liegt auch in der macht des parlaments, irland den krieg zu erklären (um es zB zurückzuerobern). alles sehr unwahrscheinlich bis fast sicher auszuschließen. aber nichtsdestotrotz würde es an der grundthese nichts ändern: die englische legislative ist eine evolutionäre und keine revolutionäre. oder vielleicht kenne ich auch nur keine schlagartige änderung eines großteils der englischen "fundamental laws". in diesem fall wäre ich über eine aufklärung dankbar.

Henry Flower
00
10.5.2010, 12:00
cih weiss nicht ob die engländerInnen das hochhalten,

oder ob es ihnen von den anglophilen kontinentalen einfach angedichtet wird.

der europäischen verständigung steht der blödsinn jedenfalls ziemlich im weg.

Reaction Path
00
10.5.2010, 10:10
Sperls zweiter Absatz:

"Das britische Wahlergebnis lehrt uns das Gegenteil: Zwar gibt es höhere Chancen auf einen Machtwechsel, aber es ist ein bisschen so wie bei der Bundespräsidentenwahl. Wenn eine britische Partei keine gravierenden Fehler macht, bleibt sie am Ruder."

Polemisch gefragt: Heißt das jetzt, dass in Österreich selbst bei gravierenden Fehlern kein Machtwechsel vollzogen wird?

Henry Flower
00
10.5.2010, 12:06
in österreich regieren

rot, schwarz und blau, und nach gravierenden fehlern eine zeitlang schwarz, blau und rot.

Christo
02
10.5.2010, 10:28

aber das sieht man doch- die Österreicher wählen so wie immer, ganz egal was passiert. Da kann man als Finanzminister schon mal was für sich und seine Freunde auf die Seite legen, Landesfinanzen in Banken und Geld-Anlagen versenken (NÖ, Kärnten), zukünftige Generationen ihrer Bildungsmöglichkeiten berauben (Stichwort Unis), greenwashing auf höchster Staatsebene veranstalten...

Wichtig allerdings ist für die Machthaber, immer einen Idioten als Bauernopfer bei der Hand zu haben für den Fall, dass sich das Volk vielleicht doch mal aufregt. Damit niemand beginnt das System zu hinterfragen und vielleicht einmal anders zu wählen...

Roter Baron
00
10.5.2010, 09:46
über ein mehrheitwahlrecht kann man schon reden

aber keins das so aussieht wie das englische.


roter baron

marcello3010
00
10.5.2010, 09:42
Warum nicht ein System

wie in den USA. Die stärkste Partei stellt alle Minister, muss sich aber trotzdem bei jeder einzelnen Abstimmung eine Mehrheit suchen. Aber in Amerika gibt es auch keinen Klubzwang. Dieser wäre höchstwahrscheinlich das größte Hindernis für so ein System.

Emiliano Zapata
 
00
10.5.2010, 11:25
in den usa stellen aber nicht die parteien minister

die werden vom direkt gewählten präsidenten ernannt und vom senat bestätigt. dort sind aber auch diese beiden gewalten (exekutive und legislative) sauber getrennt, nicht so ein mischmasch, wie in den meisten europäischen staaten.

Aristarch
00
10.5.2010, 11:59
Nicht so "sauber" getrennt!

In der USA hat der Präsident die Möglichkeit gegen ein Gesetz (Akt der Legislative) ein Veto einzulegen, eine Möglichkeit, die z.B. in Österreich die Bundesregierung oder der Bundespräsident nicht haben.

Die völlige "saubere" Trennung der Exekutive, Legislative und Judikatur ist eine völlige überholte und aus guten Gründen niemals in die Tat umgesetzte Form der Gewaltenteilung. Moderne Verfassungen teilen die Gewalten mehrfach (z.B. Präsident - Regierung) und sehen gegenseitige Einflussmöglichkeiten (Kontrollen) vor um zu einer ausgeglichenen Machtverteilung zu gelangen!

frank franki
00
10.5.2010, 17:21

ein vetorecht der regierung gegen ihre eigenen regierungsvorlagen wäre auch absurd. die regierung kontrolliert de facto durch den parteiapparat das parlament. es können keine gesetzte gegen ihren willen beschlossen werden.

es ist ja gerade die idee, dass sich die unabhängigen gewalten gegenseitig kontrollieren.
führen sie doch mal aus, was genau an einer tatsächlichen trennung von exekutive, legislative, judikative völlig überholt ist...

Roter Baron
01
10.5.2010, 09:48

clubzwang gibt es ja bei uns auch nicht
wir haben das freie mandat in Ö !
die zwänge
gibts nur in den köpfen der politiker.


roter baron

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