Freitag gibt's Katzenfleisch

11. Mai 2010, 15:59
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Vor allem am Freitag liegt über der Stadt der Duft nach gegrilltem Fleisch. Ganz Natal wird dann zum Grillplatz und es ist für alle etwas dabei

Jeden Abend, speziell aber jeden Freitagabend, verwandelt sich das Straßenbild in Natal. An allen strategisch günstigen Punkten beginnen wie auf ein Zeichen hin, kleine Rauchwolken in den Himmel zu steigen, der Geruch von Grillfleisch wabert durch die Straßen. Es ist Churrasquinho-Zeit.

Churrascos, das sind die großen Grillhäuser, wo riesige Fleischberge - vorzugsweise vom Stier -, ganze Hühnerställe und Wurstgebirge auf offenem Feuer gebraten werden. Bei den Rodizios gilt das Motto: Iss soviel du kannst! zum Fixpreis. In großen Esshallen werden da Blutfettwerte und Cholesterin nach oben korrigiert, bis nichts mehr geht.

Grillsaison das ganze Jahr

Das ganze gibt es aber auch in klein und nennt sich Churrasquinho. In kleinen Imbisswagen transportieren die Straßenköche alles, was sie zur Bewirtung der Kundschaft brauchen: einen Grill, Kohlen, Kisten voll mit Fleischspießchen und natürlich Bier und Cachaca. Dazu gibt's "Vinaigrette" - in dem Fall sind das zerschnippelte Tomaten und Paprika ohne alles und Farina, das allgegenwärtige Maniokmehl. Vom winzigen Tischgrill bis zum vollausgestatteten Luxusgrillwagen bevölkern die qualmenden Imbisse die Straßenecken, Parkplätze, Busstationen, warten vor Schulen, Einkaufszentren und Universitäten auf die zahlreiche Kundschaft.

Ein Mann wie ein Pferd

Pocotó ist einer dieser Imbissverkäufer. Sein Wagen ist sehr geschickt in der Nähe der Postzentrale, einem Taxistand und der größten Kirche Natals positioniert. "Seit zehn Jahren verkaufe ich hier schon. Das Geschäft geht gut. Meine Spieße sind die billigsten in der Stadt und kosten nur einen Real", erzählt Pocotó, dessen Name ein Künstlername ist. "Als ich einen Namen für mein Geschäft gesucht habe, lief gerade ein Lied auf allen Sendern, das sich Pocotó nannte. Also hab ich den Namen einfach übernommen." Pocotó beschreibt das Geräusch von Pferdehufen.


Seit zehn Jahren verdient "Pocotó" seinen Lebensunterhalt mit den kleinen Grillhappen.

Bis zur WM 2014 will Pocotó es schaffen, den Preis seiner Spieße beizubehalten. "Ich verdiene pro verkauftem Spieß etwa 60 Centavos", rechnet er vor. Wenn man sich die Menge seiner Kundschaft ansieht ist das kein schlechtes Geschäft. Die Plastiktische sind immer voll besetzt, vor allem die Taxifahrer nutzen den schnellen Imbiss in den Pausen. Der Alkohol fließt reichlich, manchmal stellt jemand seinen Wagen mit offenem Kofferraum neben die Tische und beschallt das Freiluftrestaurant.

Herz, Zunge und gegrillter Käse

Das ist bei den größeren Churrasquinhos, die mehr Infrastruktur bieten, etwa Toiletten, eine Bar, einen überdachten Bereich und mehr oder weniger kompetentes Personal, auch nicht anders. Das "Carne de gato" (Katzenfleisch), wie die Spieße scherzhaft in Anspielung auf den Straßenverkauf auch genannt werden, rutscht am besten mit krachlauter Musik von zweifelhafter Qualität. Einige leisten sich auch Live-Bands und verlangen dann eben 2,50 Reais pro Spieß. Das gibt's bei Pocotó nicht. Dafür gibt's bei Pocotó absolut beste Qualität. Die Auswahl ist erstaunlich groß: Calabresa (Wurst mit viel Fett), Carne (Fleisch), Frango (Huhn), Hühner- und Stierherzen, Stierzunge und Käse. Kuhfleisch isst man kaum - die Kühe müssen Stiere gebären, darum werden sie verschont und landen nicht am Teller.

Ein Weg aus der Armut

Wie viele Churrasquinhos es in Natal gibt kann keiner sagen. So wie Pocotó sind die meisten nicht registriert. Auf die Frage, ob er keine Angst hat, dass ihm eines Tages der Laden zugedreht wird, reagiert Pocotó mit einem freundlichen Lächeln: "Nein. Darüber mache ich mir keine Sorgen. Jetzt verkaufe ich schon so lange hier und solange es keine Probleme gibt, wird man mich auch weiter verkaufen lassen." Lebensmittelbehörde oder Hygienestandards werden durch die Eigenverantwortung gegenüber seinen Kunden ersetzt. Der Strom kommt aus der Hauptleitung, die er mit einem Kabel angezapft hat. Den Gästen ist es egal, Hauptsache es schmeckt und man fühlt sich wohl. Dafür sorgt Pocotó höchstpersönlich. Er ist ein wandelndes Geschichtenbuch, erzählt von seinen elf Kindern mit drei Frauen und von seinen sechs Enkelkindern. Ein junger Mann, der hin und wieder bei ihm mithilft, arbeitet unentgeltlich. "Sein Vater ist unheimlich reich", erzählt Pocotó. Er habe 2.000 Wohnungen in Natal, die er vermietet. Trotzdem will sein Sohn unbedingt bei ihm arbeiten. "Es macht ihm einfach Spaß - und er will kein Geld dafür."

Journalismus muss warten

Tatiana arbeitet als Kellnerin für Pocotó. Sie träumt von einer Karriere als Journalistin. Aber bis sie damit beginnen kann, muss sie sich erst noch um ihren kleinen Bruder kümmern. Die Eltern sind tot, sie hat jetzt die Verantwortung. "Mein Traum ist Journalistin zu werden. Aber ich konnte leider nie eine Ausbildung beginnen, weil ich keine Zeit dafür habe", sagt sie ohne jede Bitterkeit und mit einem strahlenden Lächeln. Tatiana ist 22 Jahre alt und ihre Chancen auf die Verwirklichung dieses Traums, sind eher gering. Das Leben wird sie vermutlich einholen, Schwangerschaft, Heirat, aus. Zumindest prognostiziert ihr Fabio diese Zukunft.


Tatianas Karriere als Journalistin muss noch warten - und wird vielleicht niemals Wirklichkeit.

Katzenfleisch bis zum Umfallen

Die Churrasquinhos wurden ab dem Jahr 2000 so richtig populär in Natal. Tausenden Menschen haben die kleinen Imbissstände seither das Überleben gesichert. Mit wenig finanziellem Aufwand haben sie sich eine Einkommensquelle geschaffen. "Morre em pé" (Stehend sterben) werden sie auf Anspielung auf die oft fehlenden Sitzgelegenheiten auch genannt. Aber viele haben sich vom winzigen Grillrost hochgearbeitet zu passablen Minirestaurants. Einige von ihnen haben es sogar zu einem relativen Wohlstand gebracht, ihre Hütten gegen Häuser getauscht und ein Auto gekauft und haben heute alles, was man für ein angenehmes Leben braucht. An Kundschaft mangelt es nicht. In einer Stadt wie Natal, wo das kulturelle Angebot und Freizeitmöglichkeiten mehr als dürftig oder sehr teuer sind, sind die Churrasquinhos oft die einzigen Orte, wo man sich trifft.


Zu Lachen gibt es immer etwas bei Pocotó. Viele Besucher sind Stammkunden.

Bei Pocotó rennt der Schmäh. Er hat für jeden seiner Kunden die passenden Worte und verkauft, ganz nebenbei, den Inhalt seiner Kühlboxen. Vor seinem selbst angelegten Gastgarten, den er mit vier jungen Bäumchen begrenzt hat, schimmert der Lack seines nagelneuen knallroten Gol (Golf) im matten Licht der Straßenlaternen. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/11.05.2010)

  • Pocotó, der Klang von Pferdehufen, war Namensgeber dieses Grillwagens.
    foto: mirjam harmtodt

    Pocotó, der Klang von Pferdehufen, war Namensgeber dieses Grillwagens.

  • Kistenweise wandern die Happen zu den hungrigen Kunden.
    foto: mirjam harmtodt

    Kistenweise wandern die Happen zu den hungrigen Kunden.

  • Aber erst, nachdem sie auf offenem Feuer knusprig gegrillt wurden.
    foto: mirjam harmtodt

    Aber erst, nachdem sie auf offenem Feuer knusprig gegrillt wurden.

  • Jeden Abend hat Pocotó Vollbetrieb. Geschlossen hat er nie.
    foto: mirjam harmtodt

    Jeden Abend hat Pocotó Vollbetrieb. Geschlossen hat er nie.

  • Farina und "Vinaigrette" gibt`s als Beilage.
    foto: mirjam harmtodt

    Farina und "Vinaigrette" gibt`s als Beilage.

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