Die Person, die nie wegging

7. Mai 2010, 19:48
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Schwester Dorothea war nicht mütterlich - Sie war eine Mischung aus Güte und Härte - Um sich durchzusetzen, hat sie auch geschlagen

Schwester Dorothea ist ihm heilig. Es soll nichts Schlechtes über sie verbreitet werden. Bis vor zwei Jahren hat er ihr regelmäßig zu Weihnachten geschrieben, und jedes Mal hat sie ihm geantwortet. Mehr als 20 Jahre lang. "Deinen lb. Brief habe ich heute erhalten. Ich will dir sofort danken ... " Höflich, freundlich, herzlich waren die Briefe und inhaltsleer. Er hat sie nur anfangs besucht und sie später nie wieder gesehen, er hat ihr nie entdeckt, wie es privat um ihn steht. Dass er keine Familie im herkömmlichen Sinn hat, keine Frau, keine Kinder. Er hat diese Stelle leergelassen, und sie hat nicht gefragt nach dem blinden, verwundbaren Fleck.

Seinen Brief hat er immer auf weißes Papier geschrieben und eine Karte mit religiösem Motiv leer dazu gelegt, damit sie die noch einmal verwenden kann. Vor zwei Jahren kam dann seine Post zurück mit der Nachricht, dass "unsere liebe Schwester Dorothea" sehr plötzlich verstorben sei. Er hat geheult bei der Nachricht, und doch fehlt ihm nichts. Die Briefe, die er manchmal auch lästig fand, waren die letzte dürre Verbindung zu ihr hin, die nicht abreißen durfte. Er wollte ihr zeigen, dass aus ihm etwas geworden ist, dass sie Dinge richtig gemacht und geholfen hat. Er wollte sie nicht enttäuschen.

Schwester Dorothea war damals, in den 1970er-Jahren, Leiterin einer Jungengruppe in einem Heim in Nordrhein-Westfalen. Das Heimkonzept basierte auf der Idee der Großfamilie, und so waren zwischen zwölf und 15 Kinder gleichen Geschlechts und verschiedenen Alters jeweils in Wohngruppen zusammengefasst, sie schliefen, aßen, lernten und lebten gemeinsam mit einer festen Leitung und einer wechselnden pädagogischen Hilfskraft. In seiner Gruppe waren Jungen im Alter bis 17, es gab zwei Schlafräume, ein kleinerer für die älteren Jungs und ein großer für die Jüngeren mit - so erinnert er sich - zehn Klappbetten, die man abends herunterließ, und es gab einen Schrank für persönliche Sachen. Er hatte eine schwere Zeit hinter sich, als er im Alter von neun Jahren ins Heim kam, und das Erste, was er fragte, war: Bekomme ich hier ein eigenes Bett zum Schlafen? Er gewöhnte sich schnell an seine einzige Chance. Schwester Dorothea lernte er erst etwas später kennen. Als er aufgenommen wurde, war sie gerade auf Kur, und er schrieb ihr damals wohlerzogen einen ersten Brief, um sich ihr als der Neue vorzustellen. Das hat sie gerührt, und sie mochte ihn, das Nesthäkchen, sofort. Vielleicht auch, denkt er, mochte sie ihn, weil da jetzt ein Kleiner kam, den sie besser führen konnte als die Älteren.

Er sucht nach Fotografien und findet nur noch eine, auf der sie zu sehen ist. Die Farben verschwimmen, sie steht am Rand ihrer schlecht gekleideten und mit Topffrisuren versehenen Jungengruppe, eine kleine, hagere, glattgesichtige Person, mit weißer Schürze und schwarzer Jacke darüber, sie trägt den typischen schwarzen Nonnenschleier mit dem schmalen weißen Streifen am Haaransatz. Dass sie damals erst Mitte 40 war, sieht man nicht.

Es gab Nonnen in diesem Heim, die waren wie Engel, sanft und liebevoll und freundlich, so, wie er sich vielleicht Hildegard von Bingen vorstellt. Schwester Dorothea war nicht weich, und sie war nicht mütterlich. Sie war, sagt er, eine Mischung aus Güte und Härte. Und es war wenig Weibliches und schon gar nichts Sexuelles an ihr, eher "bäuerlich" würde er sie nennen, mit ihrer klaren, lauten Stimme und dem irgendwie gepuderten Krankenhausgeruch, den er wahrnahm. Es gab keine Berührung, nur einmal, viel später, als er schon weggezogen war, hatte er sie in den Arm genommen, um sie zu trösten, weil sie sich versetzen lassen musste, weg aus dem Heim. Sie hat die Umarmung zugelassen, und sie fühlte sich weich an, was ihn überraschte.

Schwester Dorothea war immer da. Sie hatte ihr Zimmer im Gruppenbereich und ein eigenes Bad, das sie den größeren Jungs zu benutzen erlaubte. Die gebrauchten diesen abschließbaren Ort ohne Zögern auch für onanistische Spielchen, wovon die Schwester nichts ahnte. Sie hatte kein Privatleben, keine engen Freundinnen unter den Nonnen, sie fuhr nicht in Urlaub, nur einmal auf eine Reise nach Rom, und manchmal besuchte sie ihre Eltern. Was in ihrem Zimmer stattfand, hörte er nicht, sie stand früher als die Kinder auf und ging nach ihnen ins Bett.

Sie lebte im Gruppenraum, aß mit ihren Jungs, half bei den Hausaufgaben, nähte, bügelte und bastelte gerne. Er hat massenweise Makramee-Blumenampeln hergestellt unter ihrer Anleitung und Brettchen, Eierbecher, Kerzenhalter aus Holz mit kleinen Brandmalen verziert. Schwester Dorothea hat mit ihm gebetet und mit ihm über seine Familie geredet, sie hat ihm Dinge erklärt, die er nicht verstand, sie hat ihn zugedeckt abends, und sie hat ihm autogenes Training beigebracht, als er nicht einschlafen konnte. Sie hat wenig von sich oder ihren Problemen erzählt, nichts "Privates", wenn es so etwas gab, und das hätte er auch nicht gewollt.

Um nichts in der Welt hätte er mit ihr über seine erwachende Sexualität reden können. Der Kontakt war nicht persönlich, sagt er, aber herzlich. Das war alles, was er brauchte. Und Schwester Dorothea sollte sein, wie sie war. Irgendwann wollte die neue Heimleitung die gesamte Einrichtung weltlicher gestalten und schickte die Nonnen ausnahmslos zum Friseur. Dorothea kehrte von diesem Besuch mit einer grausamen Föhnwelle zurück, sie war unsicher, versteckt eitel auch, und fragte ihre Jungs, was sie besser fänden, mit Schleier oder ohne. Das Urteil war einhellig.

Man musste still sein

Um sich durchzusetzen, hat sie auch geschlagen. "Sie hat ganz schön zugelangt, und das war schon mehr, als dass nur einmal die Hand ausrutscht." Sie hat ins Gesicht geschlagen, auf den Kopf, auf den Rücken, und er macht das nach, wie man sich wegduckt und sie "zack, zack, zack" immer noch mal nachlegt. Man durfte dann nicht weinen oder jammern. Man musste still sein, damit sie aufhörte. "Es gab eine gewisse Grausamkeit dabei", sagt er, ein richtiger Schlagrausch sei das nicht gewesen, aber mehr als nur die schnelle Ohrfeige, irgendwas war da noch. Ihre Autorität hing an einem seidenen Faden. Man konnte sie nicht tiefer treffen, als ihr zu zeigen, dass sie schwach war. Und eigentlich hatte sie ja nicht viel Kraft.

Die Anlässe für die Schläge waren berechenbar und klar, es setzte etwas, wenn jemand nicht gehorchte, nicht essen oder die Hausaufgaben nicht machen wollte, oder es war einfach Strafe. Einmal wurden die Jungs dabei erwischt, wie sie miteinander in den Betten lagen, das gab böses Gehaue, einmal ist er ausgebüchst, und da hat Dorothea ihm erklärt, dass sie ihn schlug, weil sie solche Angst um ihn gehabt habe.

Einmal hat sie ihn fälschlicherweise des Rauchens bezichtigt und sich nicht entschuldigt für die ungerechten Schläge. Sie sagte einfach: "Dann war es für ein anderes Mal." Nach den Strafen war es gut, es war wie eine Buße, danach war die Luft rein, er hat noch eine Zeit lang gegrummelt und sie hat nichts nachgetragen. Er fragte sich oft, ob sie die Schläge beichtete. Doch Schwester Dorothea blieb, trotz aller Härte, das Gute. Er war froh, dass sie da war.

Er war froh, dass sie jeden Tag mit ihrem "Guten Morgen" ins Zimmer kam und die Vorhänge aufzog, sie war die verlässliche Struktur, sie war die Person, die nie wegging, anders als die weltlichen Erzieher mit ihren Schichtdiensten und Achtstundentagen, in deren Gruppen oft Chaos herrschte. Und er musste nichts dafür tun, er musste nichts Besonderes sein, er musste nicht um sie buhlen, weil das, was sie tat, ihre Mission war, ihre bedingungslose Hingabe an den Willen Gottes.

"Sie war ein abstraktes System", sagt er, unpersönlich und doch fürsorglich. Das hat ihn gerettet damals. Er hat ihre "pädagogischen Mängel", wie er das nennt, in Kauf genommen für die Sicherheit, für ihre geschenkte Unverbrüchlichkeit, dafür, dass sie sich "aufgeopfert" hat. Er hat ihr auch nachgesehen, dass sie versuchte, die Jungs klein zu halten, "damit sie drüberstehen konnte". Alle sollten die Sonderschule oder höchstens die Hauptschule besuchen. Etwas anderes kam nicht infrage, man hatte nicht hochmütig zu sein, und Bildung war noch nie das erste Ziel katholischer Erziehung. "Ein Wahnsinn eigentlich", findet er heute. Er hatte das Glück, dass sich Lehrer für ihn einsetzten und er doch aufs Gymnasium kam - als einziges von 200 Kindern aus dem Heim.

Die Mission des Ordens, in den Dorothea 1954 im Alter von 23 Jahren gegen den Willen ihrer Eltern eintrat, ist es, "wie Jesus das Herz Gottes in der Welt zu sein". Erst als Klostermitglied machte sie den Realschulabschluss, besuchte dann eine Fachschule für Kindergärtnerinnen und kam 1963 als Erzieherin ins Kinderheim. 1984 schied sie aus. Ein Junge hatte zurückgeschlagen, die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durchs Haus. Ihre Macht war gebrochen, und sie beantragte ihre Versetzung. Sie selbst erzählte ihm nie, was passiert war, sondern nur, dass sie das Gefühl habe, sich nicht mehr durchsetzen zu können. Die Zeiten waren rauer geworden.

Den Rest ihres Lebens, 20 Jahre, arbeitete Schwester Dorothea erst im Haushalt einer Kommunität, später an der Pforte eines von ihrem Orden geführten Altenheims. "Was für ein Leben", sagt er. Sie hat die Arbeit mit den Jungs geliebt, und dann das Altenheim in Demut ertragen. Seine Briefe sollten etwas von dem zurückgeben, was er bekommen hatte, berechenbar und fürsorglich.

Mitleid war auch dabei und eine Zartheit für diese Frau. Nie hätte er gewagt, sie zu verletzen oder durch zu viel Ehrlichkeit etwas in ihr zu zerstören. "Ich danke dir, dass du mir dein Geburtsjahr mitgeteilt hast", schreibt sie in ihrem letzten Brief, "so ungefähr hatte ich es mir gedacht. Ich erinnere mich noch an viele Begebenheiten aus der Zeit." (Andrea Roedig/DER STANDARD, Printausgabe, 8. Mai 2010)

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    1984 schied Schwester Dorothea aus dem Heim aus, ein Junge hatte zurückgeschlagen: Ihre Macht war gebrochen

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